Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 68 = 2.F. 32 (1919))

332 Gustav von Szäszy-Schwarz,
seinem Tode fortdauern könne. Der Kommissionstext hat
in beide Sätze ein Loch geschlagen. § 1 lautet in seiner
gegenwärtigen Fassung: „Jeder Mensch ist rechtsfähig. Rechts-
fähig ist auch die Leibesfrucht für den Fall, daß sie lebendig
geboren wird." Durch diesen letzteren Satz wird das ge-
samte Gebiet der subjektiven Rechte, also auch die Persön-
lichkeitsrechte, jedem Menschen, wenigstens in der Form von
rechtlich geschützten Anwartschaften, schon vom Momente
seiner Konzeption ab, zugesichert — eine kühne Erweiterung
des römischen Satzes „nasciturus pro jam nato habetur“,
der einer vernünftigen Praxis einen weiten Spielraum zur
Befriedigung von Bedürfnissen bieten wird, die nach bis-
herigem Rechte große Schwierigkeiten bereitet haben.
Noch kühner ist die Haltung des Entwurfes in betreff
des Schutzes der Persönlichkeit nach dem Tode. § 19 des
Kommissionstextes lautet: „Das Recht der Persönlichkeit
wird auch nach dem Tode geschützt, insofern die Pietät dies
erfordert." Das ist ein neuer Satz, der mit einem tausend-
jährigen Vorurteil bricht und einem Bedürfnisse entspricht,
an welchem alle bisherigen Gesetzbücher vorübergegangen
sind. Der Satz, daß nur die Lebendigen Rechte haben, ist
eine Kodifizierung des grausamen Sprichwortes: „les ab-
sents ont tort“. In Wahrheit hat der Mensch ein schutz-
würdiges und schutzbedürftiges Interesse daran, daß manche
seiner Güter auch nach seinem Tode unangetastet bleiben,
und dieses Bedürfnis kann weder in der Form von Ver-
waltungsmaßregeln noch in derjenigen befriedigt werden,
daß man das Recht des Verstorbenen zu einem Recht seiner
Erben oder seiner Angehörigen umstempelt. Hierher gehört
in erster Linie das Interesse des Leichnamsschutzes: der
Leichnam soll unversehrt bleiben, er soll in entsprechender
Weise beerdigt, seine Grabessülle nicht gestört, sein Ge-

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