Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 68 = 2.F. 32 (1919))

Schuld und Haftung im geltenden Rechte. 13
wieder von neuem zu sagen. Einzelne Aeußerungen auch
äks jüngster Zeit lassen aber erkennen, daß ein kurzer Hin-
weis dieser Art nicht überflüssig ist, wenigstens zur Festlegung
des Standpunktes, von dem die folgenden Darlegungen aus-
gehen l).
Der wissenschaftliche Gewinn, der aus dieser Erkenntnis
für das Obligationenrecht in allen seinen Teilen sich ergeben
hat, liegt wohl auf der Hand. Schon vordem konnte es der
Forschung nicht entgehen, daß nicht alles, was der einheit-
liche Name Obligationenrecht umfaßt, inhaltlich ganz gleich-
artig gestaltet war. Die Schwierigkeiten, die das dem ein-
heitlichen Obligationsbegriff gegenüber verursachte, treten zu-
rück, der Einblick ins Ganze wird vollkommen klar, sobald
man sich bewußt wird, daß die uns im Leben entgegen-
tretende Mannigfaltigkeit von Obligationsverhältnissen ihren
Grund habe oder haben könne in Verschiedenheiten, die
entweder auf die Struktur des Schuldverhältniffes oder auf
die Ausgestaltung der Haftung oder endlich auch auf die
Beziehungen dieser beiden untereinander zurückzuführen sind.
An Stelle des einheitlichen Obligationsbegriffes, in den früher
nach Art eines Prokrustesbettes die verschiedenen Lebens-
erscheinungen mit Ach und Krach und oft recht unsanft ein-
gepreßt wurden, tritt nun die Erkenntnis, daß wir es mit
Rechtsverhältnissen zu tun haben, die auch begrifflich einen
ganz außerordentlichen Formen- und Farbenreichtum und da^
durch eine geradezu unendliche Modulationsfähigkeit aufweisen,
daß die verschiedenen Gestaltungen innerhalb der einzelnen Rich-
1) Aus den Gründen, die sich aus diesen und den folgenden
Darlegungen ergeben, glaube ich an der Antithese Schuld und
Haftung in dem hier angegebenen Sinne festhalten zu müssen,
und kann ich der Abgrenzung, die z. B. H. Siber in seinem
trefflichen Buche „Der Rechtszwang im Schuldverhältnis nach
deutschem Reichsrecht" gibt, nicht beipflichten.

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