Full text: Volume (Bd. 65 = 2.F. 29 (1915))

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Ludwig Mitteis,

Höflichkeit stehen, um sofort auf das Thema überzugehen,
das ihn innerlich beschäftigte. Denn solche innere Arbeit
war in ihm beständig vorhanden, und als starkes Naturell
ließ er sich von ihr durch nichts losreißen.
Aber alles in allem, es war eine Individualität, die
man wirklich als faszinierend bezeichnen darf.
In den nord- oder mitteldeutschen Kreisen, denen er
seit seiner Göttinger Berufung angehörte, fand- man be-
sonderen Gefallen an dem urwüchsigen Oesterreichertum,
das bei ihm stärker als bei anderen ausgeprägt war, auch
in der Sprache; seine joviale Ungebundenheit wurde als
eine reizvolle Originalität empfunden. Er hat diese auch
niemals abgestreift, selbst nach langjährigem Aufenthalt im
Reich war die steirische Naturwüchsigkeit noch der Grundzug
seines Gehabens, wenngleich sie in den letzten Jahren, nament-
lich im Verkehr mit jüngeren Leuten hinter der natürlichen
Würde des zunehmenden Alters allmählich zurücktrat.
Trotz dieser ausgeprägten Züge, trotzdem Strohal ein
Charakterkopf schien wie wenige, glaube ich doch, daß nicht
viele ihn richtig gekannt haben. Er war in Wahrheit eine
komplizierte Natur; mau glaubte ihm nahe zu sein und
war es nicht leicht; in den Tiefen der Seele lag manches
verschlossen, was selbst Freunde nur erraten konnten. Für
unrichtig halte ich -es darum, wenn öfter sein „sonniges,
heiteres" Naturell gerühmt wird, freilich mitunter von solchen,
die auch glauben, daß gerade dieses den Tiroler kennzeichne.
Nein, das überschäumende Temperament, das Strohal leicht
offenbarte, war eben nur eines von den beiden Extremen,
die in seinem Inneren lagen und ihm nur selten die ruhige
Gleichgewichtslage des Gemüts verstatteten. In den langen
Jahren, die ich neben ihm in Leipzig verlebte, bin ich immer
mehr zu der Ansicht gekommen, daß er nur äußerlich eine

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