Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 65 = 2.F. 29 (1915))

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Ludwig Mitteis,

Uebrigens halte ich es für zweifellos, daß Strohal
das lange Verbleiben in Graz nur als ein Glück empfunden
hat. Ihm ist es nie um äußeren Glanz zu tun gewesen,
und seine Sachlichkeit mußte das unruhige Getriebe und
die Reibungen der Großstadt, die Belastung mit zahllosen
Formalien, Prüfungen und Personalien, welche eine Re-
sidenzuniversität ihren Mitgliedern notwendig auferlegen
muß, aufs tiefste perhorreszieren. Was er von Gustav
Demelius sagt: „das Drängen und Treiben, Schieben
und Hasten der Millionenstadt war ihm unheimlich, die
glatte Aeußerlichkeit des gesellschaftlichen Verkehrs uner-
quicklich", das ist offenbar aus tiefem eigenen Empfinden
heraus geschrieben. Und so ist mir auch zweifelhaft, ob
Strohal einem Ruf nach Wien so leicht Folge geleistet
haben würde. Daß er sich danach niemals gesehnt hat,
daß er, im Gegensatz zu den meisten seiner Landsleute, die
Provinzstadt gegenüber den Anziehungskräften der Residenz
innerlich bevorzugte, davon bin ich fest überzeugt.
Das wahre Ziel von Strohals Wünschen war eben,
und wohl von jeher, ein anderes, nämlich eine Berufung
in das Reich. Das lag zunächst in seinen politischen An-
schauungen begründet. Ein so extrem deutschnationaler Mann
konnte es schwer ertragen, auf die Dauer in einem Staat
zu wirken, wo die Interessen der deutschen Stämme durch
die stete Rücksichtnahme auf die Wünsche der Nichtdeutschen
notwendiger-, oft auch überflüssigerweise, in den Hintergrund
gedrängt wurden, und die Kirchturmspolitik, welche die oft
kleinen nationalen Splitter in Oesterreich vielfach mit sich
bringen, mußte seinem aufs Ganze der deutschen National-
interessen gerichteten Sinn zuwider sein. Daneben aber
kamen wissenschaftliche Interessen in Betracht. Das öster-
reichische allgemeine bürgerliche Gesetzbuch ist trotz unleug-

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