Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 65 = 2.F. 29 (1915))

Emil Strohal.

15

III.
Es mag den Fernerstehenden wundernehmen, daß ein
Mann von den hervorragenden persönlichen und wissen-
schaftlichen Eigenschaften Strohals so lange Zeit und
während seiner besten Mannesjahre an derselben Uni-
versität verblieben ist; bis zu seinem 49. Lebensjahr ist er
in Graz gewesen, ohne einen Ruf zu erhallen. Das erklärt
sich, was unsere reichsdeutschen Universitäten betrifft, zu-
nächst aus dem äußerlichen Umstand, daß ihm die formelle
Legitimation für eine zivilistische Professur im Reiche fehlte;
er war eben reiner Austriazist und kam nach der herkömm-
lichen Schematik des Berufungswesens für einen Lehr-
stuhl, mit dem die Vorlesung über „Geschichte und Quellen
des römischen Rechts einschließlich des römischen Zivil-
prozesses" als obligate Flöte verbunden war, weniger in
Betracht als der jüngste Privatdozent, der irgendeine roma-
nistisch etikettierte Arbeit publiziert hatte. Zudem ist das
österreichische Zivilrecht vom Standpunkt der allgemeinen
deutschen Zivilistik doch nur als Partikularrecht zu be-
trachten. Schwerer ist es ja zu verstehen, daß nicht inner-
halb Oesterreichs selbst der richtige Zeitpunkt wahrgenommen
wurde, um Strohal an die Stelle zu bringen, welche
nach seiner Bedeutung für ihn die richtigste war, d. h. ihn
an die Wiener Universität zu berufen. Indessen läßt sich
die Passivität, welche die Wiener Juristenfakultät dieser
Frage gegenüber durch Jahrzehnte beobachtet hat, zunächst
schon durch den formellen Umstand erklären, daß die ob-
ligaten Professuren des österreichischen Privatrechts in jener
Zeit besetzt waren; es hätte schon einer spontanen Initiative
der Fakultät bedurft, um eine neue Professur zu schaffen
und die bureaukratische Schwerfälligkeit des österreichischen
Berufungswesens zu überwinden.

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