Full text: Volume (Bd. 41 = 2.F. 5 (1900))

Recht, Sitte und Sittlichkeit.

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Die deutsche Sprache bedient sich anstatt des neutralen
lateinischen Ausdrucks „ad me pertinet“ verschiedener
Ausdrücke, je nachdem von Rechten und Befugnissen, oder von
Pflichten und Lasten die Rede ist. Das Recht „steht mir
zu", die Pflicht „liegt mir ob".
Das B.G.B. aber bedient sich in §§ 1629, 1635, 1676
und 1798 sprachwidrig des Ausdrucks: die Sorge (für die
Person rc.) steht mir zu — statt: liegt mir ob. — Ein
Grund ist nicht ersichtlich.
Ein ferneres Beispiel zu IV ist die in einer Reihe von
Bestimmungen des B.G.B. zu Tage tretende Verdunkelung
des Unterschiedes von Sitte und Sittlichkeit in-
folge unrichtiger Wiedergabe des lateinischen „mores“, „boni
m o r e s“, „contra bonosmore s“. — Mit diesem letzteren
Gegenstände haben wir uns hier zu beschäftigen 18).
§2. Scheidung von Recht, Sitte und Sittlichkeit.
Recht, Moral und Sitte sind von Ihering zutreffend
als die drei Imperative bezeichnet worden, in denen die Ord-
nung der Gesellschaft sich verwirklicht und deren unwiderstehliche
Macht auf ihrer praktischen Unentbehrlichkeit beruhe' 8).
Er macht aber auch darauf aufmerksam, daß wir gerade
auf diesem Gebiete eine LeistungderdeutschenSprache
vor uns haben, welche einen werthvollen Fort-
schritt und eine dauernde Bereicherung derEthik
18) Der Gebrauch des Ausdrucks „sittliche Pflicht" mit Bezug
aus gewisse Schenkungen (§§ 534, 1641, 1804, 2113, 2205, 2330 B.G.B.)
und auf die Zahlung einer Nichtschuld (§814 B.G.B.) wird Gegenstand
einer besonderen Besprechung sein. S. auch unten Anm. 42 und 42».
19) Siehe Jh ering, Zweck im Rechte, Bd. 2, Vorrede S. X u. xvii.
Eine Uebersicht über die Theorien vom Verhältnisse des Rechtes zur Moral
giebt Lass on, System der Rechtsphilosophie (1882) S. 2ff. S. auch
Regelsberger, Pand. I § 10.

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