Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 41 = 2.F. 5 (1900))

Recht, Sitte und Sittlichkeit.

75

Andererseits begegnet man nicht selten der Behauptung, jeder
Schriftsteller sei befugt, sich seine eigene Terminologie zu wählen,
vorausgesetzt, daß er sagt, was er unter seinen Begriffsbezeich-
nungen verstanden wissen will. Die Unhaltbarkeit eines solchen Zu-
standes leuchtet ein, sobald man sich vergegenwärtigt, daß die
nationale Gesetzgebung einer festen nationalen Rechtssprache
bedarf, die Herstellung einer solchen aber auf andere Weise,
als durch die vorarbeitende gemeinschaftliche Thätigkeit der
Wissenschaft und der Praxis, nicht erfolgen kann.
Hieraus ergiebt sich die Nothwendigkeit, feste Grundsätze
aufzustellen bezüglich des Verhältnisses der Volkssprache zu dem,
was IHering die „begriffsbildende Thätigkeit der Wissen-
schaft" nennt. Dies soll hier versucht werden.
Unzweifelhaft ist die Rechtswissenschaft befugt, ja es gehört
zu ihren wesentlichsten Aufgaben:
a) beim Gebrauche eines Allgemeinbegrisfs der
Volkssprache festzustellen,welche engeren Rechtsbegriffe jenem
Allgemeinbegriff unterfallen;
b) beim Gebrauche von Spezialbegriffen der
Volkssprache festzustellen, welchem juristischen Allgemein-
begriffe sie unterzuordnen sind.
Als Beispiele können dienen:
Zu a) der Allgemeinbegriff Annahme. Unterbegriffe:
1) Antragsannahme (Vertragsschluß); 2) Zuwendungsannahme;
3) Erfüllungsannahme; 4) Accept (Summenversprechen)").
Zu b) Spezi alb eg risse 1) Bestellung; 2) Auslobung,
Preisausschreiben; 3) Transportunternehmen (Post, Eisenbahn,
15) Siehe hierzu meine Abhandl. a. a. O. Bd- 35 S. 26 ff., wo
namentlich hervorgehoben ist, daß nur die Annahme des Vertrags-
antrags (das Gegenversprechen) Vertragsschluß ist, nicht aber die Zu-
wendungsannahme und die Erfüllungsannahme. Ebenso wenig ist da-
Accept Vertragsschluß; dennVertrag, d. h Ausgleich widerstreitender In-
teressen, kann nur das zweiseitige Kansalgeschäst sein.

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer