Full text: Volume (Bd. 41 = 2.F. 5 (1900))

Die Wahl bei der Wahlschuld.

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läßt aber nicht erkennen, wie weit die Erklärung gelangen muß.
Auch aus der Vorgeschichte wird volle Klarheit nicht zu ge-
winnen sein. Denn bekanntlich herrschte auch im gemeinen
und preußischen Rechte über diese Frage lebhafter Streit. Wir
müssen darum nach dem Zweck der Bestimmung suchen. Was
hat das Gesetz bestimmt, auf die Ankunft und nicht auf die
Entäußerung Gewicht zu legen? Nach Regelsberger*)
ergiebt sich dies aus dem Begriff der Antwort, nach Ennec-
cerus?) aus dem Willen des Antragstellers, der sich erst mit
der Ankunft der Antwort binden wolle. Beide Auffassungen
sind meines Erachtens deswegen nicht völlig zureichend, weil
sie nur aus einem Falle der Erklärung, der Annahme eines
Vertrages, abgeleitet sind und nur dafür vollkommen passen.
Vielmehr muß man bei der Erklärung eher davon ausgehen,
welche Wirkung ihr ihr Urheber beilegen wollte. Dessen Durch-
schnittsinteresse wird insoweit zu berücksichtigen sein, als ihm
nicht berechtigte Interessen des Empfängers entgegenstehen.
Der Absender hat nun regelmäßig zwei sich bekämpfende
Interessen: einmal möglichst lange die Verfügung über seine
Erklärung, also ein Widerrufsrecht zu haben — anderseits aber,
wenn er sie einmal entlassen hat, auch sicher zu gehen, daß sie
ihren Zweck erreicht. Er will also mit Mecht nicht eher ge-
bunden sein, als der Andere verpflichtet wird. Daraus ergiebt
sich meines Erachtens zunächst die Unrichtigkeit der Wind-
scheid' schen Ansicht, die ihn für die Zwischenzeit in diese
ungünstige Lage versetzen will^). Ferner aber kann dem
Adressaten eine Haftung von keinem früheren Augenblicke an
1) Pandekten, S. 533; ebenso Köppen, Jahrbücher für Dogmatik,
Bd. ii S. 140, 141 und anderweit; vergl. auch RegelSberger, Civil-
rechtliche Erörterungen, S. 24 ff.
2) Das bürgerliche Recht, Bd. i S. 168.
3) Bd. 2 S. 154; vergl. Schott, Der obligatorische Vertrag unter
Abwesenden, S. 77 ff.

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