Full text: Volume (Bd. 41 = 2.F. 5 (1900))

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Victor Ehrenberg,

Man kann sich theoretisch beides vollständig getrennt
vorstellen. Jemand könnte z. B. jährlich 1000 M. auf die
Sparkasse tragen und zugleich mit einer Versicherungsgesell-
schaft folgenden Vertrag schließen: Er verpflichtet sich, der Ge-
sellschaft jährlich eine bestimmte Prämie zu entrichten, und die
Gesellschaft verpflichtet sich dagegen, falls sein Sparkassen-Gut-
haben (mit Zins und Zinseszins) bei seinem Tode weniger
als — sagen wir — 50000 M. betragen würde, den Fehl-
betrag dazuzuzahlen. Hat also der Versicherte noch selbst das
gewünschte Sparresultat erzielt, so ist die befürchtete Gefahr,
nämlich vorzeitiger Tod, nicht eingetreten, und die Versicherungs-
gesellschaft hat gar nichts herauszuzahlen, vielmehr die ganze
Prämie lukrirt; im umgekehrten Falle dagegen hat sie zwar
auch nicht das ganze gewünschte Sparkapital, wohl aber so viel,
wie der Versicherte wegen vorzeitigen Todes nicht mehr selber
ersparen konnte, dessen Hinterbliebenen auszuzahlen. Hier ist
die Prämie reine Assekuranzprämie, und die Frage, ob der
Versicherer beim Tode des Versicherten etwas und wieviel er
auszahlen muß, ist ebenso ungewiß wie bei allen anderen Ver-
sicherungsarten.
Eine solche Trennung des Spar- und des Assekuranz-
Momentes wäre aber aus vielen Gründen unpraktisch und
kaum durchführbar. Daher wird in der Lebensversicherung
beides kombinirt und zu einem einheitlichen Vertrage vereinigt.
Der Lebensversicherungsvertrag ist daher ein einziger, ein-
heitlicher Vertrag 8ui generis, und es ist unrichtig, ihn —
wie ich selbst früher mit anderen Schriftstellern gethan Kabe
— als eine Kombination von Sparkassen-(Darlehns-) und
Assekuranz-Vertrag zu bezeichnen. Aber nur diese For-
mulirung ist anfechtbar; richtig ist und bleibt der Gedanke,
daß die Lebensversicherung wirthschaftlich jene Doppel-
Funktion in sich vereinigt, und daß diese Doppel-Funktion
äußerst wichtige juristische Folgen nach sich zieht.

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