Full text: Volume (Bd. 5 (1871))

er juristischen Fakultäten zum Nechtsleben. 669
eigenen Anwendung auf die ihm vorliegenden anderweitigen Rechtfälle
entnehmen könnte. Die Benutzung der massenhaft veröffentlichten Prä-
judizien zur Erläuterung geschieht in der höhere Ansprüche machenden
Literatur nur spärlich und regelmäßig nicht in fruchtbarer Weise: denn
der summarischen Anmerkung, daß das Obergericht hier so und das
Obergericht dort anders entschieden habe, ist doch wirklich in den meisten
Fällen gar kein Werth beizulegen, mindestens gewiß nicht der, daß sie
eine wirkliche praktische Schule gewährt. Ganz aufgehört aber haben
ohne irgendwelchen anderweitigen Ersatz die Sammlungen von Kon-
silien und Responsen und dergleichen Arbeiten einzelner Juristen, in
welchen in früherer Zeit eine bedeutende Menge wirklich lebendiger Ge-
lehrsamkeit aufgespeichert worden ist. Jene Kollektionen von Gerichts-
Entscheidungen vermögen diese Lücke nicht auszufüllen, so ausführlich
sie die Gründe der Urtheile aufnehmen mögen, weil sachgemäß diese
Gründe das Interesse des Falls nicht erschöpfen können, sondern sich
auf die Motivirung der unmittelbaren Dezision beschränken müssen.
Unsere Schwäche in dieser Richtung wird sich besonders fühlbar
machen, wenn wir zu einem allgemeinen Deutschen Gesetzbuch gelangen
sollten und zwar je mehr dies den Anforderungen entsprechen würde,
bei deren Erfüllung allein wir sein Zustandekommen wünschen dürfen.
Begnügt es sich bei innerer Einheit und konsequentem Ausbau des
Systems mit der Aufstellung von Rechtssätzen unter Vermeidung des
Details und der Kasuistik, welche ja doch Sache des Gesetzgebers nicht
ist, so fällt die Mühe fort, welche jetzt einen großen Theil der literari-
schen Leistungen füllt, nämlich den Zusammenhang der gesetzlichen Einzel-
entscheidungen mit den gesuchten und wirklich oder vermeintlich gefun-
denen Fundamenten herzustellen, und es tritt neben der vereinfachten
historischen Ableitung und der erleichterten prinzipiellen Ergründung die
Aufgabe der selbstständigen kasuistischen Entfaltung des Rechtsstoffes
in den Vordergrund. Ich kann mich der Besorgniß nicht verschließen,
daß wir dieser Aufgabe nicht völlig gewachsen sein werden, und daß
der Zustand der Wissenschaft lange Zeit ähnlich unbefriedigend bleiben
wird, wie er in den Ländern gewesen ist und zum Theil noch ist, welche
am Ende des vorigen und am Anfänge des gegenwärtigen Jahrhunderts
Gesetzbücher erhalten haben. Die Ursache war bei diesen letzteren zu-
nächst ihre eigene Beschaffenheit; bei jenem Zukunftswerke, welches selbst
wir uns ja als ganz vortrefflich vorstellen mögen, würde der Grund
in den zu seiner Bearbeitung berufenen Personen liegen, welchen die
rechte Fähigkeit abgehen würde zur Interpretation in wirklich frucht-

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