Full text: Volume (Bd. 5 (1871))

Göppert: Das gegenwärtige Verhältniß

in die offizielle Welt nicht mehr zum Rechtsunterricht zurückgekehrt sind;
im Allgemeinen aber darf man annehmen, daß die Wiederaufnahme
der Funktion als Lehrer keineswegs als unpassend gegolten hat für den,
der bereits am Staatsregiment Antheil genommen hatte und auch auf
die abermalige Berufung in den Staatsdienst nicht verzichtete.
Dieser Staatsdienst war überhaupt noch die ganze klassische Rechts-
zeit hindurch kein Lebensberuf nach Art unserer Beamtenkarriere, be-
dingte nicht wie diese eine ununterbrochene Dauer der Hingabe an das
Amt. Zwischen der Bekleidung der einzelnen Stellen lagen freie Zeiten,,
welche die ungestörte Verwerthung der gesammelten Erfahrung für die
Wissenschaft gestatteten.
Auch der übrige Charakter des Dienstes war ein anderer, wie der
des unserigen, welcher, in verschiedene Zweige gespalten, für den Ju-
- risten hauptsächlich nur das Richteramt im Privat- und Strafrecht dar-
bietet. Schon das mußte von unvergleichlichem Werth für die Er-
weiterung des Gesichtskreises sein, daß der obere Beamte regelmäßig
die verschiedenen Funktionen unserer heutigen Verwaltungsbehörden mit
der Administration der Justiz verband. Und was diese selbst betrifft,
so enthält die nicht selten bespöttelte Aeußerung Puchta's in der
That eine gewisse bedeutsame Wahrheit: es fei von hervorragendem
Nutzen für den Charakter des Juristenstandes gewesen, daß nach der
Gerichts-Einrichtung die Juristen nicht Richter, die Richter nicht Ju-
risten waren. Den Vortheil aber sehe ich nicht blos darin, daß die
mehr mechanischen Geschäfte dem in öffentlicher Stellung befindlichen
Rechtsgelehrten abgenommen waren: diese Last wird ja auch wohl bei
uns aufhören, den Richter im bisherigen Maße zu drücken: das wesent-
liche, was wir nicht nachbilden können, ist die souveräne Stellung des
Gerichtsherrn, welche ihm das Recht und damit auch die Pflicht gab,
befreit von der Sklaverei des geschriebenen Wortes, die wir unserm
Richter auferlegen müssen, sich zu dem im Bewußtsein des Volks be-
stehenden und dem in den Verhältnissen des Lebens und Verkehrs selbst
gegebenen Recht zu erheben. .
Halten wir der geschilderten Stellung, dem reichen Lebensinhalt
des Römischen Rechtslehrers die heutige Lage eines Professors der Rechte
entgegen, so finden wir einen grellen Gegensatz. Es wird ihm selbst
der an sich schon weniger werthvolle Ersah entzogen, der nach den
jetzigen Verhältnissen geboten werden könnte.
Wir haben Nichts aufznweisen, was dem Respondiren der Römi-
schen Juristen an die Seite gestellt werden dürfte. Es geschieht aber
auch immer seltener, daß von Rechtsfakultäten oder einzelnen Profefloren

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