Full text: Volume (Bd. 5 (1871))

Gareiß: Modernes Genossenschafts- und Gesellschaftsrecht.

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Vertretung einzuräumen, welche jedem offenen Gesellschafter mit Fug
gesetzlich zugestanden werden. (So vollkommen richtig Auerbach: Die
Deutschen Genossenschaften, Goldschmidt's Zeitschr. Bd. VII, S. 16flg.)
Diese Betrachtung führt zu dem eigentlichen juristischen Unterscheidungs-
punkte von prinzipieller Bedeutung: in der Genossenschaft sinkt das
Individuum im Gegensatz zum offenen Handelsgesellschafter — zu einer
an sich gleichgiltigen Zahl herab, wenigstens was den Bestand und Ge-
schäftsbetrieb der Genossenschaft anlangt. (Anders freilich, was die
Haftung betrifft, weßhalb auch die gerichtliche Anmeldung der Genossen-
schafter vorgeschrieben ist. .Art. 25, Art. 12 des Genossenschafts-Gesetzes.)
Daraus resultirt nun: ganz im Gegensatz zu den für offene Handels-
gesellschaften getroffenen Bestimmungen, Art. 102, 99, 100 des A. D.
H.-G.-B., verlangt Art. 17 des Genossenschaftsgesetzes kategorisch die
Wahl eines Vorstandes und mit eingehender Genauigkeit grenzt das
Gesetz die Befugnisse dieser die Bedeutung der einzelnen Genossen zu-
rückdrängenden Behörde gegenüber der Kompetenz der Generalversamm-
lung und des fakultativen Aufsichtsraths ab. Aus Obigem resultirt
aber ferner: der Austritt eines Genossen involvirt nicht — wie bei der
offenen Handelsgesellschaft prinzipiell und präsumptiv der Fall ist
— die Auflösung, der Eintritt eines neuen Genossen nicht die völlige
Neubegründung des Gesellschaftsvertrags. Das Band der Genossenschaft
ist elastisch genug, in jedem Augenblicke eine größere Anzahl von Mit-
gliedern zu umfassen, aber auch in jedem Momente zu entlassen, ohne
seine Festigkeit und seinen Halt zu verlieren.
Mit diesen juristischen Eigenthümlichkeiten ausgerüstet, ist die Ge-
nossenschaft allerdings in der Lage, die nicht (nicht direkt wenigstens)
in Handel bestehenden Zwecke, von denen Art. 1 des Deutschen Genossen-
schafts-Gesetzes anschauliche Beispiele bietet, am leichtesten und sichersten
zu erreichen und insofern läßt sich eine Konkurrenz zwischen: dem sonst
gewöhnlich und dem von mir betonten Unterscheidungsmerkmal, dem
faktischen des Zweckes und dem juristischen der Stellung der Mitglieder
wohl annehmen. Schärfer aber wird die Grenzlinie durch das Fest-
halten der juristischen Momente als durch das des Zweckes gefunden
werden können.
Einen weniger bedeutenden Unterschied macht die Art, in welcher
bei der einen und der andern Gesellschaftsform die Solidarhaft der Mitglie-
der prozessual ihre Strenge wirken läßt. (S. Auerbach a. a. O. S. 18 stg.
Das nun gesetzlich festgestellte Nepartitionsverfahren im Konkurs der
Genossenschaften, Art. 52flg. des Genossenschafts - Gesetzes, läßt diesen
von Auerbach hervorgehobenen Gegensatz nun in noch grellerem Lichte

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