Full text: Volume (Bd. 5 (1871))

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Literatur.

damit noch nicht viel gethan ist. In den meisten Fällen aber ist der Versuch,
einen genetischen Zusammenhang zu konstatiren, völlig mißlungen; vielfach
begnügt sich der Verfasser die gefundenen Analogien lose nebeneinander zu
stellen: ein Verfahren, das trotz der schönen Worte des Autors am Schluffe
des Buches nicht mehr werth ist, als die üblichen Schulvergleiche zwischen
Friedrich und Alexander dem Großen.
Die, übrigens fämmtlich durch schöne Sprache und reiche Belesenheit
ausgezeichneten, Aufsätze sollen in Folgendem kurz besprochen werden, da eine
eingehende Kritik nicht im Plane dieser Zeitschrift liegen kann.
Zu I. handelt der Verfasser über den Einfluß Griechischen
Rechtes auf die Abfassung des Römischen Zwölftafel-Gesetzes
Bekanntlich erzählen einige Schriftsteller des Altertums, daß die Römischen.
Decemvirn in Griechenland, und speziell in Athen die dortigen Rechte studiert
hätten: juristische Quellen ferner führen eine Reihe von Römischen Gesetzen
und Gewohnheiten ausdrücklich auf solonisches Recht zurück. Nichts desto-
weniger ward von jeher und insbesondere von neueren Juristen jeder Ein-
fluß und Zusammenhang des Griechischen Rechts bezüglich der Zwölftafel-
Gesetzgebung abgeleugnet: Bachofen beispielsweise sagt ganz entschieden, daß
die Entwicklung eines Römischen Rechtsinstitutes nach dem Vorbilde eines
Griechischen Musters etwas völlig unerhörtes, etwas undenkbares sei. Der
Verfasser versucht nun an der Hand der Anordnung, wie sie von Dirksen
und Schöll getroffen worden, in den Sätzen der zwölf Tafeln Spuren
und Anklänge Griechischen Rechtes nachzuweisen. In 24 Fällen will der
Verfasser Analogien konstatiren: aber wer diesen Passus liest, wird zu der
Ueberzeugung kommen, daß höchstens in fünf Fällen die Analogie und zwar
kaum wahrscheinlich gemacht ist; in den meisten Fällen überdies schwächt der
Verfasser die Beweiskraft seiner Sätze durch das Bekenntnis, daß im Grunde
genommen nichts bewiesen sei.
Der Verfasser hat somit durch seine Abhandlung die behandelte Frage
nicht gefördert, und seine These, daß „zwar weder eine Rezeption, noch eine
adoptirende Uebersetzung Griechischer Rechte stattgehabt, aber wohl der Einfluß
Griechischer Belehrung, die Kenntniß griechischer Rechte' auf die Decem-
viralgesetzgebung eingewirkt habe" (S. 34), ist von ihm nicht bewiesen worden.
Ad II. versucht der Verfasser zwei Römische den Kauf betref-
fende Rechtssätze auf Griechischen Ursprung zurückzuführen. Diese
beiden Sätze sind, der eine, daß beim Kaufverträge Eigenthum nicht schon
durch die Tradition der Waare, sondern erst nach Zahlung (resp. Krediti-
tirung) des Kaufpreises übergeht, der andere, daß die Gefahr nicht erst nach
der Tradition, sondern schon mit Abschluß des Kaufvertrages von dem Käufer
getragen wird. — Für den ersten Satz, der ausdrücklich als ein Zwölftafel-
Gesetz bezeichnet wird, findet der Verfasser den Griechischen Ursprung in
einem Fragment aus Theophrast bezeugt. In der Uebersetzung des Ver-
fassers lautet die bezügliche Stelle: „Das Kaufgeschäft nun ist in Bezug auf
den Eigenthumserwerb giltig, sobald der Kaufpreis bezahlt und die im Ge-
setze vorgeschriebenen Förmlichkeiten beobachtet sind, .wie z. B. die Eintragung
oder der Eid, oder die Feierlichkeit mit den Nachbaren". — Dem Verfasser
soll nun der Ruhm nicht streitig gemacht werden, diese Stelle von neuem
gefunden und ausgebeutet zu haben: aber der Werth dieser Entdeckung erscheint

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