Full text: Volume (Bd. 1 (1867))

Ueber die geschichtliche Entwickelung des deutschen Thronfolgerechts. 83
inspirirten Successionsordnungssystem, auch in sofern eine starke Betonung
der politischen Nachfolge, als durch dasselbe nicht nur solche Personen
ausgeschlossen werden, welche mit dem Gerufenen dem Vorgänger in jeder
Beziehung gleich nahe verwandt sind, sondern auch solche, welche privat-
rechtlich oder rücksichtlich des Privatnachlasses demselben näher verwandt
erscheinen.
Hatte nun das deutsche Successionsrecht für Land und Leute durch
die Verallgemeinerung des Primogenitursystems ohne Zweifel einen be-
deutenden Fortschritt zu einer entschieden politischen Succession gemacht
und in sofern mit den Ansichten über die Thronfolgefähigkeit in abstracto
gleichen Schritt gehalten, so mußte doch die fortdauernde Unklarheit über
das Rechtsprincip wie Object dieser Succession und über die Rechte und
Pflichten, welche dem Successor als solchem aus den Handlungen des
Vorgängers erwachsen, auch bei der Thronfolgeordnung wieder sich geltend
machen, sobald die ordentliche Thronfolge mit dem agnatischen Stamme
und zwar mit den agnatischen Männern ausgestorben war. Es mischte
sich nämlich kU einem solchen Falle das persönliche oder privatrechtliche
Element wiederum, und zwar ganz abgesehen von der unter solchen Um-
ständen desto schwierigeren Frage über den Gegenstand der Nachfolge und
die Haftungspflicht des Nachfolgers, auf eine doppelte Weise mit dem
politischen; einmal nämlich bei der Frage, auf welche Weise eine außer-
ordentliche Nachfolge begründet werden könne, und dann bei der weiteren
Frage, wer von den außerordentlicher Weise in abstracto Succefsions-
fähigen zunächst berufen sei.
In Beziehung auf diese Fragen ist hervorzuheben, daß für die Suc-
cessionsfähigkeit der Frauen und cognatischen Verwandten in Land und
Leute sich in Deutschland durchaus kein unzweifelhaftes gemeinverbind-
liches Recht ausgebildet hat, indem den genannten Klassen da und dort
jedes Successionsrecht in Land und Leute abgesprochen wurde, was zum
Theil noch besteht. Auch da aber, wo im Interesse der Continuität der
Nachfolge und der Verbindung zwischen Dynastie und Land ein subsidiäres
Successionsrecht dieser Klassen galt, fehlte es an einer unbestrittenen ge-
meinrechtlichen Bestimmung über den Vorzug des männlichen Geschlechts
im Verhältniß zu näher verwandten weiblichen Cognaten. Auch der Rechts-
grund der vertragsmäßigen Erbfolge und der Succession aus kaiserlichen Even-
tualbelehnungen, dann das Verhältniß zwischen den Frauen' wie Cognaten
der regierenden Familie zu den Erbverbrüderten, so wie der Rechtsgrund
der Succession kraft fürstlicher Testamente waren unklar und oft bestritten.
So erklärt sich denn, daß das deutsche Successionsrecht in Land und
Leute, gleich dem politischen Charakter der Territorien, bis zur Auflösung
des Reichs unfertig und unbestimmt geblieben ist. Zu dieser Erscheinung
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