Full text: Volume (Bd. 1 (1867))

78 Ueber die geschichtliche Entwickelung des deutschen Thronfolgerechts.
namentlich in der Richtung auf die Ehen der Glieder feines Hauses, noch
nicht nach Basis und Umfang feststand, so konnte es nicht ausbleiben, daß
die Successionsfähigkeit zu vielen Streitigkeiten Veranlassung gab. Eben-
darin liegt aber auch der Beweis, daß die staatliche Unfertigkeit der Terri-
torien sich wieder in dieser so wichtigen Materie abspiegelt. Und wie jene
Unfertigkeit die Ursache war, daß man, so lange sie bestand, auch die
schwankende Bestimmung der Thronfolgefähigkeit ertragen konnte, so liegt
darin auch der Beweis, daß der fertige geblütsmonarchische Staat einen
solchen Zustand nicht ertragen kann. Wie aber ferner gerade die Selb-
ständigwerdung und Anerkennung des Protestantismus die Ausbildung des
weltlichen Staats durch dessen größere Unabhängigkeit vom Reich und
durch die Freiwerdung von den Ansprüchen der katholischen Kirche förderte
und eigentlich der erste rein deutsche Großstaat zugleich die erste große
und sogar europäische deutsche Macht wurde, so ist auch die Thronfolge-
fähigkeit zuerst in Folge des Protestantismus vollständiger ausgebildet und
nicht mehr ausschließlich an die katholische Religion und den weltlichen
Stand gebunden, die politische Familiengewalt des Haupts des regieren-
den Hauses aber für die Ehen der Familienglieder, also zugleich für die
Thronfolgefähigkeit mit maßgebend geworden. Gegen den Ausgang des
Reichs scheint auch in der That die politische Anforderung ununterbrochener
Continuität der Nachfolge und unzweifelhafter Legitimität des Nachfolgers
bereits stärker gewesen zu sein, als die gleichfalls politische Anforderung der
Regierungsfähigkeit, indem schon Fälle Vorkommen,, in denen nicht nur der
erst nach seinem Regierungsantritt unfähig Gewordene, sondern sogar der
schon bei dem Regierungsantritt zur Ausübung der Regierung nicht befähigte
successor in seiner Stellung verbleibt resp. succedirt und dann eine Landes-
verwesung eintritt. Mit diesem Uebermächtigwerden des Gedankens der
ununterbrochenen legitimen Succession, der mit der gesteigerten Consolida-
tion der Länder, mit dem Aufschwung ihres politischen Bewußtseins, dem
Wachsthum der fürstlichen Gewalt und der Vernichtung der alten Bedeu-
tung der Landstände Hand in Hand geht, hängt auch die Veränderung
zusammen, die mit der inneren Bedeutung der Huldigungen, namentlich für
den Antritt und gleichsam auch für die Normirung der Regierung, vor
sich ging. Diese im Verhältniß zu früheren Zeiten sich als viel vollende-
ter darstellende politische Ordnung der Successionsfähigkeit in den deutschen
Territorien, welche auch durch eine Reihe von besonderen Gesetzen ihren
Ausdruck fand, mag in Zeiten, in welchen die Idee des Rechtsstaats noch
nicht formulirt und nach ihren wahren und falschen Consequenzen ausge-

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