Full text: Volume (Bd. 1 (1867))

Ueber die geschichtliche Entwickelung deS deutschen ThrvnfolgerechtS. 57
fischen, fränkischen und hohenstausischen Kaiser verhältnißmäßig bald aus-
starben, halten wir nicht für den eigentlichen Grund der Befestigung des
Wahlreichs in Deutschland — wir finden ihn immer nur in der Natur
des römischen Kaiserthums selbst und in der Gesammtheit der damaligen
Verhältnisse der deutschen Nation, in den dieselbe beherrschenden Ideen.
Je mächtiger ein deutsches Fürstenhaus, desto mehr mußte sein Streben
nach Erblichmachung des deutschen Königthums wegen seiner Bereinigung
mit der römischen Kaiserkrone als gegen diese selbst gerichtet erscheinen.
So haben wir einen wahrhaft titanischen Kampf zwischen dem Drang
nach deutscher Staatlichkeit und dem Bann der Nation unter der Idee
des römischen Kaiserthums. Es ist bekannt, wie der Glanz des weltlichen
Einflusses des Papstthums und der ideelle Glanz der römischen Kaiserkrone
in dem aufreibenden Kampfe zwischen beiden zugleich erblaßte. So erklärt
es sich auch, daß große Kaiserpersönlichkeiten in der Zeit bis zum Aus-
gang der Hohenstaufen mit der damals noch mächtigen Kaiseridee selbst
den größten Päpsten gegenüber noch Großes zu leisten vermochten, wäh-
rend später, als dieser Kampf längst geendet und die deutsche, Reichskrone
mit der römischen thatsächlich fast erblich geworden war, im Habsburger
Geschlecht, das Reich einem kraftlosen Marasmus verfiel. ,5)
Aber ein großes Volk, welches seine politische Selbständigkeit nicht
verloren hat, kann des Staates nicht entbehren. Erscheint das römische
Reich deutscher Nation als ein in seiner Richtung auf die staatliche
Herstellung Deutschlands verunglückter Versuch, so muß nothwendig der
deutsche Staat in jenen Zeiten anderswo bestanden haben. In den alten
Stammherzogthümern aber war er nicht — diese hatten sich wenigstens
in ihrem alten Bestände, mit ihren alten Geschlechtern und in ihrer alten
Bedeutung, der kaiserlichen Macht vergebens entgegengestellt. Sie wurden
von derselben um so mehr zermalmt, als die gegenseitige Eifersucht der
Stämme und oft die Kirche selbst des Kaisers mächtige Bundesgenossen
gegen sie waren.
Aber ein Element des alten deutschen Rechtes, welches nicht nur

") Nichts giebt hiervon schlagenderen Beweis, als eben das vollständige Lahm-
werden der Ressorts der Wahleinrichtung Was davon übrig mar, diente nur dazu, unter
den perniciösesten Einwirkungen des Auslandes, namentlich Frankreichs, das allmälige
Ende des Reichs so recht methodisch herbeizuführen. Man gedenke nur der Wahlcapl-
tulation, deö rechtlich nicht ausgehobenen Priucips der Absetzbarkeit des Kaisers u.s. w.
Diesem Zustande des Reichsuachfolgerechts entsprach auch der Inhalt der kaiserlichen
Gewalt, der man in den Wahlcapitulationen mit beiden Händen alle nur erdenklichen
Verpflichtungen auferlegte, während man gleichzeitig mit denselben Händen ihr jede
reelle Macht entzog. Schon der westphälische Friede, namentlich sein sog. Jtionsrechr,
hatte dem Reich den Gnadenstoß gegeben. Daß es trotzdem sich noch über 100 Jahre
fortschleppte, zeugt weniger von der Duldung des Auslandes, als von der inneren
Nothwendigkeit einer Einheit der deutschen Nation.

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