Full text: Zeitschrift für deutsches Staatsrecht und deutsche Verfassungsgeschichte (Bd. 1 (1867))

56 Ueber die geschichtliche Entwickelung des deutschen Thronfolgerechts.
noch nicht weit um sich gegriffen. Es fehlte dazu die persönliche Neigung und
jener Ueberfluß an fruchtbaren Gütern, welcher in Frankreich den Königen
zum Zwecke lehnweiser Hingabe zu Gebote stand. Kein deutsches Geschlecht
war in verschiedenen anderen Stammesgebieten reich begütert. Die
Idee einer sich dem Staate auch nur annähernden Einheit lag den Gei-
stern um so ferner, je mehr man sich der Freiwerdung vom fränkischen
Reiche erfreuen mochte. Die ersten deutschen Könige waren Confödera-
tionshäuptlinge durch Wahl oder Gewalt, oder Träger eines unbestimmten
und staatsrechtlich schwer bestimmbaren Uebergangszustandes.
Unterdessen mochte die uralte Idee, daß die Wiege des fränkischen
Reichs selber noch immer auf deutschem Boden stand, in den Geistern
fortgelebt haben. Ein Franke war der erste deutsche König nach den un-
echten Karolingern und als sich die Frage von dem römischen Kaiserthum
auf's Neue erhob, als der Papst die Wiederbesetzung dieser idealen Welt-
herrschaftsstellung für unabweisbar erkannte, da mochte die Idee des histo-
rischen Vorrechts des ostfränkischen Stammes in Verbindung mit der Er-
wägung, daß eine Geblütsmonarchie, wie die französische, sich nicht zur
Trägerschaft dieser universalen und mit dem gleichfalls nicht erblichen
Papstthum unauflöslich verbundenen Kaiserkrone eigne, mit einer gewissen
Nothwendigkeit dazu führen, diese Krone mit der deutschen Nation zu ver-
binden. Bei der unzweifelhaften Macht also Nothwendigkeit dieser Idee
des römischen Kaiserthums in den damaligen Zeiten erklärt es sich, warum
sie diejenige Nation, welche ihr Träger wurde, auch zu einer gewissen
politischen Einheit zwang, warum also ein gewisses rechtliches Gefühl für
> die einheitliche Verbindung aller deutschen Stämme und für die Herstel-
lung eines persönlichen Oberhauptes derselben entstehen mußte, warum
aber zugleich der Gedanke an die Erblichmachung der Kaiserkrone in einem
bestimmten Geschlechte weniger vielleicht gegen die particularistischen Be-
strebungen der Großen als vielmehr gegen das innerste Wesen der Kaiser-
krone selbst verstoßen mußte.u)
In der Verbindung der römischen Kaiserkrone mit der deutschen
Königskrone war das politische Schicksal Deutschlands vorläufig aus Jahr-
tausende besiegelt. Sehen wir dabei nur auf das Thronrecht, so finden
wir zwar stets einen gewissen Drang nach Erblichmachung — allein keine
längere Behauptung eines auch noch so glänzenden Hauses, feine Zugeständ-
nisse, keine Versprechungen; nicht einmal das Institut der römischen Könige
konnte die Erblichkeit herbeiführen. Daß die stolzen Geschlechter der säch-
,4) Auch Schweden und Dänemark waren lange Wahlreiche, konnten aber und
mußten trotz manchen Widerstandes Geblütsmonarchien werden, weil einerseits die
Verhältnisse es mit sich brachten, andererseits das eigenste Wesen der betreffenden Kronen
dieser Entwickelung nicht entgegenstand.

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