Full text: Zeitschrift für deutsches Staatsrecht und deutsche Verfassungsgeschichte (Bd. 1 (1867))

458 Ueber beit Begriff des Staatsrechts im Allgemeinen
Sinne des Worts ein Staat genannt werden könnte. Und doch gehört
auch das Völkerrecht zu den Gründen, warum nicht einmal juristisch eine
absolut vollkommene Souveränetät denkbar ist, während hingegen doch die
rechtlich größte Selbständigkeit der Glieder des Bölkershstems als die con-
ditio sine qua non jedes Völkerrechts erscheint. In der reellen Welt
muß dies zu Collisionen führen. Ideell aber gleicht sich die Sache treff-
lich aus. Denn wenn ohne Zweifel die völkerrechtlichen Verpflichtungen
jeden von ihnen erfaßten Staat wenigstens mittelbar auch nach innen be-
schränken, so muß jede solche Beschränkung als mit dem freien Willen
weil mit der höhern Erkenntniß des betreffenden Staats im Einklang ste-
hend angenommen werden. Auch gewähren die völkerrechtlichen Berech-
tigungen nicht weniger, wenn gleich ebenfalls nur mittelbar, eine Macht
nach innen. Es ließe sich diese Behauptung aus den gewöhnlichsten Vor-
gängen vielfach erhärten; wir thun dies nicht, theils weil diese Vorgänge
genügend bekannt, theils weil sie bisher zu oft von falschen Motiven und
Zwecken geleitet worden sind. Das richtige Princip für das angegebene
Verhältniß zwischen Völkerrecht und Souveränetät resp. Staatsrecht scheint
uns nämlich wieder nur in dem Menschen zu liegen. Wie dieser in seiner
freien und gesellschaftlichen Eigenschaft die Seele aller denkbaren Civil-
und Strafproceßformen ist, diese also nicht um ihrer selbst oder um des
Staatsoberhaupts oder einzelner Sonderzwecke, sondern um des Ganzen
willen angeordnet sind, so bestehen die Formen des völkerrechtlichen Ver-
kehrs und die einzelnen völkerrechtlichen Vereinbarungen nicht um der
Cabinette und Diplomaten willen, sondern der Humanität des ganzen
Bölkershstems wegen. Die größte völkerrechtliche Courtoisie kann die recht-
liche Bodenlosigkeit eines Systems nicht decken, welches nicht jedem der
dem System angehörigen Menschen um der Humanität willen rechtlichen
Schutz und zwar gleichen zu gewähren sucht. Wie daher ein wahres Völ-
kerrecht nur von der wahren Anschauung über das Wesen des Menschen
und der Menschheit ausgehen kann, so mündet es auch in seinen prak-
tischen Folgen lediglich im Menschen aus. So stark ist dieses Princip,
daß selbst bei eingetretenem Kriegsstande, also wenn der völkerrechtliche
Standpunkt bereits verlassen ist, in dem freilich sehr prekären Gedanken
des Verbots gewisser Kriegswaffen ein letzter Schimmer der in Blut ge-
tauchten Sonne wahrer humanen Anschauungen erkannt werden muß. Je
mehr nun die Menschen und eine je größere Zahl von Menschen in jeder
Richtung des Lebens und Strebens, in Bezug auf ihre Anforderungen an
Intelligenz, Sittlichkeit und physische Existenz, unbeschadet ihrer Anhäng-
lichkeit an engere Gesellschaftskreise, zugleich weltbürgerlich werden, desto
mehr bedürfen sie auch als Einzelne nicht blos der staatsbürgerlichen, son-

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