Full text: Volume (Bd. 1 (1867))

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lieber Priueip, Methode und System

Vorlesungen über allgemeines Staatsrecht gehalten. An den übrigen
Universitäten erwartet der Studirende von den Vorlesungen über deutsches
Staatsrecht auch eine Einführung in die Grundbegriffe des allgemeinen
Staatsrechts. Werden sie ihm hier nicht geboten, so erhält er dieselben
nirgends und seine publicistische Bildung bleibt so mangelhaft, daß er
nicht einmal in die Lehren des positiven deutschen Staatsrechtes wissen-
schaftlich eindringen kann.
Dazu kommt, daß die allgemein staatsrechtlichen Grundansichten so
eng mit der ganzen Auffassung auch des positiven Staatsrechtes Zusammen-
hängen, daß der Schriftsteller und Lehrer keineswegs beliebig auf dies
oder jenes Werk über allgemeines Staatsrecht verweisen kann, sondern
vielmehr, schon der einheitlichen Auffassung wegen, seine eigenen An-
sichten als maßgebend, auch für die Darstellung des positiven Rechtes, zu
Grundelegen muß. Die Vorausschickung eines solchen propädeutischen
allgemein staatsrechtlichen Theils hat für das System des deutschen
Staatsrechts außerdem noch den Vortheil, daß sich nun letzteres um so
bestimmter in den Grenzen einer rein positiv rechtlichen Disciplin
halten und sich streng auf das historisch gewordene, in Deutschland gel-
tende Recht beschränken kann. Hätte es in Gerber's Plan gelegen, den
Grundzügen seines Systems einen solchen einleitenden allgemein staats-
rechtlichen Theil vorauszuschicken, so würde sein System gewiß dadurch an
Positivität sehr gewonnen haben, während so manches von ihm in das
System des deutschen Staatsrechts gezogen werden mußte, was viel-
mehr allgemein staatsrechtlicher Natur ist, wodurch dem angestrebten po-
sitiv rechtlichen Charakter seiner Darstellung mannichfach Abbruch geschieht.
Die Verbindung einer allgemein staatsrechtlichen Einleitung mit dem Sy-
stem des deutschen Staatsrechts stört somit nicht nur dessen Einheit nicht,
sondern macht allein die Durchführung eines streng positiv rechtlichen
Systems möglich.
2. Ebenso selbstverständlich ist es, daß eine geschichtliche Entwicke-
lung vergangener Staatszustände nicht in das System des praktisch
geltenden deutschen Staatsrechts.gehört. Dennoch zeigt es von mangel-
hafter Kenntniß unserer bestehenden akademischen und literarischen Ver-
hältnisse, wenn man eine propädeutisch-historische Einleitung für überflüssig
erklärt und darin sogar einen unbefugten Eingriff in die Domäne der
deutschen Staats- und Rechtsgeschichte erblicken will. Ich fühle mich um
so mehr zu diesem Ausspruch gedrungen, als ich früher selbst dieser An-
sicht gehuldigt habe (Heidelb. Jahrb. 1853, S. 345) und erst durch lang-
jährige akademische Erfahrungen auf diesem Gebiete zu meiner jetzt fest-
stehenden Ueberzeugung gelangt bin.

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