Full text: Zeitschrift für deutsches Staatsrecht und deutsche Verfassungsgeschichte (Bd. 1 (1867))

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Ueber Prineip, Methode und System

daß die staatsrechtliche Literatur der Gegenwart die ältere Publicistik weit
überragt an rechtsgeschichtlicher Begründung, höherer geistiger Auffassung
des Positiven und geschmackvoller Darstellung. Aber trotz dieser unzweifel-
haften Vorzüge machen sich auch Mängel geltend, welche beseitigt werden
müssen, ehe die staatsrechtlichen Leistungen der Gegenwart sich der Voll-
endung rühmen dürfen. Diese Mängel zeigen sich besonders darin, daß
das eigentlich juristische und systematische Element der Darstellung,
neben dem geschichtlichen und staatsphilosophischen, nicht zur vollen Aner-
kennung gelangt; Mängel, die damit eng Zusammenhängen, daß gerade
die Grundfragen nach Prineip, Methode und System unserer Wissenschaft
noch keine genügende Beantwortung gefunden haben. Seit G. Gärtner's
unklarer und unbrauchbarer Schrift „Ueber die wissenschaftliche Behand-
lung des deutschen Staatsrechts" (1839) sind diese Fragen immer nur
nebenbei besprochen, nie aber so eingehend erörtert worden, wie dies von
A. Bulmerincq in seinen wohldurchdachten Schriften über Prineip und
System des europäischen Völkerrechts geschehen ist. Es ist daher im ho-
hen Grade dankenswerth, daß Karl Friedrich von Gerber sein hervor-
ragendes juristisches Talent in neuerer Zeit, gerade nach dieser Richtung
hin, der deutschen Staatsrechtswissenschaft zugewendet hat. Allerdings
hat Gerber zunächst den Plan znrückgelegt, „seine Vorstellungen über ein
solches System in einer umfassenden Erörterung darznlegen," sondern ist
sogleich mit ausgearbeiteten „Grundzügen eines Systems des deut-
schen Staatsrechts" aufgetreten.
Da aber diese Schrift sich selbst als „eine Revision der Grundbe-
griffe" des deutschen Staatsrechts ankündigt und absichtlich das stoffliche
Element zurücktreten läßt, so können wir dieselbe wesentlich als eine me-
thodologische betrachten, welche ihren Schwerpunkt in der principiellen
Feststellung und systematischen Gliederung findet.
Es ist nun keineswegs meine Absicht, in vorliegendem Aufsatz die
Gerber'sche Schrift in ihren Einzelheiten durchzugehen und zu beleuchten;
aber ich bekenne gern, daß diese Schrift durch ihren juristischen Geist und
ihre präcise Form mich angeregt hat, gerade diese Fundamentalfragen un-
serer Wissenschaft mir nochmals vorzulegen und die Resultate meiner er-
neuten Prüfung in einem selbstständigen Aussatze zusammenzufaffen, wobei
ich natürlich genöthigt bin, mannichfach auf die in meiner „Einleitung in
das deutsche Staatsrecht" (1865) ausgesprochenen Ansichten zurückzukom-
men. Fern liegt mir die Anmaßung, diese wichtigen Principienfragen, im
engen Rahmen eines Aufsatzes, nach allen Seiten hin gründlich erledigen
zu wollen, aber ich hoffe durch möglichst einfache Betrachtung der wissen-
schaftlichen und praktischen Aufgaben unserer Wissenschaft und durch mög-

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