Full text: Volume (Bd. 1 (1867))

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Ueber das Verhältniß von Justiz und Berwaltung in England.
nicht nach einfacher, nach natürlicher Vernunft, sondern nur nach geschulter
Vernunft und juristischem Urtheil zu entscheiden. Der König stehe nicht
über dem Gesetze, sondern unter demselben; wie schon Bracton gesagt
habe: rex mm debet esse sub homine, sed sub Deo et lege.94)
Jacob I. verfolgte aber seinen Plan, sich selbst zur Seele der Recht-
sprechung zu machen, und die Richter zu bloßen Werkzeugen für die Aus-
führung königlicher Mandate herabzusetzen, unaufhaltsam weiter.
Er verlangte zu diesem Zwecke vor allen Dingen, in wichtigen Fäl-
len mit den Richtern vor Abgabe des Urtheils Rücksprache zu nehmen,
ihre Meinungen zu hören, ihnen die seinigen kund zu thun. Es schien
anfangs, als ob die Richter solchem Ansinnen einen einmüthigen Wider-
stand entgegensetzen würden. Denn als in einer Proceßsache, wo es sich
um die Legalität einer königlichen Verordnung handelte, der Attorney-Ge-
neral im höheren Aufträge den Chief Justice der Kings Bench, Sir
Edward Coke, anwies, nicht eher weiter vorzugehen, als bis ein solches
„aurieular taking of opinions“ stattgefunden habe, so richteten nun auf
Coke's Anregung sämmtliche Richter der drei Höfe an den König eine
Eingabe, worin sie erklärten, daß sie durch ihre Eide gebunden seien,
königliche Mandate, die dem Gesetz zuwider wären, bei ihren Richtersprüchen
nicht zu beachten, daß sie die Anweisung des Attorney-General als gesetz-
widrig betrachten ^müßten, und sich also nicht darauf einlassen könnten.
Mit dieser Erklärung war aber die Widerstandskraft des Justizbeamten-
thums jener Zeit wesentlich erschöpft. Denn als nun der König auf
seinem Begehren beharrte, indem er aussprach, daß er ein Mitregieren
von Westminster Hall in Verletzung seiner Prärogative nicht dulden werde,
demgemäß den Befehl der Inhibition des Verfahrens wiederholte, und die
Richter nochmals vorladen ließ, damit sie hörten „bis pleasure from his
own moutha, so erreichte er in der That, daß alle zwölf Richter erschie-
nen. Sie mußten nun aus dem Munde des Königs vernehmen, daß es
eine doppelte Prärogative gäbe; die eine, welche das königliche Privat-
interesse betreffe, möge jederzeit vor den Gerichtshöfen des Landes disku-
tirt werden; die andere dagegen,welche sich auf die höchste kaiserliche Ge-
walt und Souverainetät beziehe, sei einem solchen Forum, der erst neuer-
dings emporgewachsenen Macht der Höfe des gemeinen Rechts, nicht unter-
worfen. Und nun erklärten mit Ausnahme von Coke sämmtliche Richter
ihre Bereitwilligkeit, jedem königlichen Befehle, der auf Unterbrechung eines
anhängigen Processes und auf persönliche Besprechung mit dem Könige ge-
richtet sei, zu gehorchen, wobei der Chief Justice der Common Pleas
noch bemerkte, daß er sich stets verlassen werde aus die Gerechtigkeit von

") Foß VI. 1.

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