Full text: Volume (Bd. 1 (1867))

1F Ueber die Theilbarkeit deutscher Staatsgebiete.
Rechts bedingt, so ist doch schon längst das umgekehrte Princip zur recht-
lichen Herrschaft gekommen, daß der Charakter des fürstlichen Rechts unter
dem gestaltenden Einflüsse der Kräfte steht, welche aus der lockeren Ver-
bindung von Land und Leuten den organischen Volksstaat hervorwachsen
ließen. Oder könnte man glauben, daß der ganze Proceß der modernen
Staatsbildung, die zum rechtlichen Bewußtsein gekommene und in Ver-
sassungsgesetzen bethätigte Einheit des Volks im Staate, keinen Anspruch
auf Anerkennung als ein rechtlich bestehendes Verhältniß machen, daß er
etwa gar nur jederzeit als bedingt berechtigt gelten könne? Könnte man
annehmen, daß die Erbinteressen fürstlicher Familienglieder' stark genug
seien, um den ganzen politischen Entwickelungsgang eines Volkes zu sus-
pendiren, und einem trotzdem ausgebildeten lebensvollen Staatswesen in
einer' der wichtigsten Fragen den Gesichtspunkt aufzunöthigen, daß es doch
nur für eine mittelalterliche Patrimonialherrschaft gelten könne? Denn
was Anderes könnte es heißen, wenn eine Mehrheit von Agnaten ver-
langen wollte, daß ein Staat, d. h.„ein mit Persönlichkeit bekleideter Or-
ganismus, in Stücke zerschnitten und mithin als solcher vernichtet würde,
damit jeder zu der erwarteten „Landesportion" gelange?
Der Inhalt eines Rechts kann dadurch eine Veränderung leiden, daß
sein Object in quantitativer oder qualitativer Hinsicht verändert wird.
Diese Möglichkeit kennt selbst das Privatrecht.28) Aber in noch weit um-
fassenderer Weise tritt sie bei öffentlichen Rechten hervor. > Als isolirt und
darum für alle Zeiten absolut fipirbar können diese ga^ nicht gedacht wer-
den, da sie in steter Wechselwirkung und Wechselempfänglichkeit den Ein-
flüssen aller Kräfte eines politischen Volkslebens ausgesetzt sind. Veränder-
lichkeit in der allgemeinen Entwickelung ist eine charakteristische Eigenschaft
ihres Wesens. Diese Auffassung hat keine Gemeinschaft mit der Theorie,
welche Mejer29) treffend charakterisirt, indem er sagt: „sie denkt den
Staat als eine ihrem Wesen nach factische Constellation coexistirender
Parteikräfte, deren gegenseitiges Verhältniß und gemeinsame Richtung
immer blos jeweilig durch diejenige Kraft normirt werden, der es für
den Augenblick gelingt, sich als die stärkste geltend zu machen und die
übrigen zur Unterordnung unter das von ihr für zweckmäßig Gehaltene
zu bewegen;" — denn ich bin weit davon entfernt, ein öffentliches Recht
als ein des Rechtsschutzes entbehrendes blos thatsächliches Machtverhältniß
anzusehen, vielmehr erkenne ich es in seinem Bestände als ein wirkliches
Recht an, aber ich flnde, daß eine gewisse Relativität und damit zusam-
menhängende Wandelbarkeit elementar zu seinem Wesen gehört. In ganz

") Windscheid, Pandekten, I. §. 64-. .
’9) Mejer, Einleitung in das deutsche Staalsrecht, 1861 S. 233.

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