Full text: Volume (Bd. 1 (1867))

120 Geschichte der Entstehung der Versassung im Großherzogth. Hessen.
rechtlichen Zuständen verschiedenen sog. constitutionellen Systems war
in der That eine wirksame politische Emancipation von jenen Groß-
mächten hergestellt. Die constitutionellen Souveraine hatten zu ihrer
Freude die Stütze ihres Volkes, dessen Leiter und Repräsentanten
in den Kammern die offenen und geheimen Anfechtungen jenes „Systems"
auf den Congressen zu Wien, Karlsbad u. s. w. lebhaft angriffen, und so
lange die Eintracht zwischen Regierung und Kammern bestand, gehörten
auch die constitutionellen deutschen Staaten zu den s. g. glücklichsten, in
welchen sich überall der Fortschritt regte und ausbreitete. Das kleinste
constitutionelle Land konnte in dieser Beziehung sich leicht über die Groß-
macht Oesterreich erheben, der geringste Staatsbürger sich mit dem Unter-
thanen in Preußen an constitutioneller Freiheit messen. Jene Politik des
Partikularismus zeigte sich aber im Verlaufe weniger Decennien als eine
trügerische, denn die Zeiten änderten sich und die ganze politische Lage
Europas und insbesondere Deutschlands wurde durch den nie geahnten
Verkehr und die Verschmelzung der Völker wesentlich umgestaltet. Das
Bewußtsein der Nation erwachte, die Einheit erhob sich zum Wahl-
spruche und Bedürfniß, der Partikularismus wollte und konnte nicht
mehr den Forderungen der Repräsentanten des Volkes entsprechen, Zeiten
herrschender Volkssouverainetät (1830, 1848) kamen hinzu, in welchen die
Kleinstaaten dem Strome folgen und in völliger Rathlosigkeit sich bewegen
mußten, weil sie keine selbständige Lebenskraft besaßen, der in Zeiten der
Ruhe vernachlässigte, wegen der steten.Eifersucht der Großmächte und
wegen der Furcht vor kräftiger Einheit mißachtete und energielose Bund
konnte nicht helfen') und um das Maaß voll zu machen, traten sogar
Oesterreich und Preußen in die Bahn der Volksrepräsentation ein.
Die constitutionelle Politik des Partikularismus hat also geradezu
das Gegentheil von dem, was sie bezweckte, herbeigeführt, denn eine
Umkehr zu der Zeit der unbeschränkten Souverainetät ist nun unmöglich
geworden, sogar für Oesterreich und Preußen, der Einheitsdrang,
der Existenz des Einzelstaats bedrohlich, ist gewachsen, die Lust der Hege-

st Wer erinnert sich hierbei nicht des kläglichen Selbstbekenntnisses vom 8. März
1848, welches die Bundesversammlung durch ihren politischen Ausschuß vor Deutsch-
land ablegte? "Die Bundesversammlung" — so hieß es dort — „hat schon längst daö
allgemeine Bertrauen in ihre gedeihliche Wirksamkeit verloren rc. Die Souverainetät
der einzelnen Staaten wurde so ausgedehnt, daß die Wirksamkeit des Bundes in stets
engere Grenzen eingezwängt wurde rc. Zu demselben Verhältnisse nahm die Wirksam-
keit und das Ansehen der Ständeversammlungen in den einzelnen Bundesstaaten zu rc.
Diese Ständeversammlnngen bildeten die landständischen Verfassungen zu wahren
Repräsentativ-Verfassungen aus und wurden dadurch zur eigentlichen Regierungs-
gewalt und durch die Oesfentlichkeit ihrer Verhandlungen auch zum Träger der öffent-
lichen Meinung rc. Die Regierungen eilten Concessionen zu geben, die mehr oder
weniger mit dem Bundessysteme im Widerspruch stehen und eine völlige Um-
gestaltung der inneren Verhältnisse der einzelnen Staaten herbeiführten rc."

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