Full text: Volume (Bd. 51 = 2.F. 15 (1907))

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Victor Ehrenberg,

In der gleichen Lage befindet sich aber die Aktiengesell-
schaft bezw. die Gesamtheit der Aktionäre, deren Interesse in
der Generalversammlung verkörpert ist. Die Aktionäre wissen
sehr wohl, daß sie auf einen Einblick in den Geschäftsbetrieb
ihrer Gesellschaft verzichten müssen, da dies im Erfolg der Offen-
legung des Betriebs für jedermann und damit der Lahmlegung
des ganzen Geschäfts gleichkommen würde: wer aber den Zweck
will — ein blühendes Unternehmen — muß auch das Mittel
wollen — den Verzicht auf jeden Einblick in das Innerste seines
Betriebs. Gerade aus diesem Grunde wählt die Generalver-
sammlung in der Person der Aufsichtsratsmitglieder eine weitere
Anzahl von Vertrauensmännern, denen ein solcher Einblick offen -
steht. Wenn dieses Organ in Wirklichkeit nicht selten versagt,
wenn der Aufsichtsrat den Vorstand nicht genügend kontrolliert
oder gar selbst mit ihm gegen die Generalversammlung konspiriert,
so mag dies ein schlechtes Licht auf die Gestaltung unseres
Aktienrechts werfen oder auch als ein neuer Beweis für die
Unvollkommenheit aller menschlichen Einrichtungen angesehen
werden, aber es kann uns nicht veranlassen. Rechtssätze auf-
zuftellen, durch deren Befolgung ein vernünftiger Geschäfts-
betrieb unmöglich gemacht wird und die deshalb unbefolgt
bleiben müßten.
Von diesem Gesichtspunkt aus ist nicht nur der Inhalt
des Geschäftsberichts zu beurteüen, sondern auch die — oben
S. 298 zurückgestellte — Frage zu beantworten, ob Vorstand
und Aufsichtsrat befugt sind, sog. stille Reserven in die Bilanz
einzustellen, ohne der Generalversammlung davon bei der Vor-
lage der Bilanz Mitteilung zu machen. Wenn sie Grund zu
der Annahme haben, daß eine solche Bekanntgabe für das Ge-
deihen der Gesellschaft schädlich sein würde, so dürfen sie es
unterlassen; sollte jedoch (das Gesetz oder) das Statut aus-
drücklich einen Maximalbetrag für Rücklagen und Abschreibungen

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