Full text: Volume (Bd. 3 (1869))

698 LewiS: Zur Lehre von der Autonomie des hohen Adels.
zuerst gegen eine beiläufige Bemerkung desselben. Jolly hebt es näm-
lich als einen Vorzug hervor, welchen „autonomische Einrichtungen"
vor dem Familienfideikommiß voraushätten, daß einer Familie, welche
auf Grund der ihr zustehenden Autonomie „im Wege der Selbstgesetz-
aebung" ihre Familien- und Vermögensverhältnisse ordne, hierbei „eine
freiere Bewegung als bei Anwendung des Familirnfideikommisses ge-
stattet" sei, indem dieses auf dem „Privatwillen des Stifters" beruhe,
damit aber „die Selbstständigkeit der Späteren" uegirt, „ihr Blick aus-
schließlich auf die für sie schlechthin entscheidende Vergangenheit gefesselt,
für sie das, was ursprünglich nur Mittel sein sollte, unwillkürlich in
den letzten Zweck verwandelt" werde.52) Dem gegenüber hebt nun
Gerber hervor, daß die Möglichkeit der Veränderung des Familien-
fideikommisses durch Beschluß der Betheiligten sowohl durch den Stifter
ausgesprocheu werden könne, als auch durch die Gesetzgebung, d. h. die
Partikulargesetzgebung, angeordnet jet.53) Die Bemerkung Jolly' s,
man vermeide bei der Auslegung des Giech'schen Hausgesetzes Schwie-
rigkeiten und Gezwungenheiten, wenn man in demselben einen Ausstuß
der Autonomie sehe, versteht Gerber so, als ob sie Jolly ganz all-
gemein, ohne Rücksicht auf das spezielle Hausgesetz, ausgesprochen, und
macht derselben gegenüber geltend,, daß es nach seiner Ueberzeugung
keinen anderen, als den.von ihm eingeschlageneu Weg gebe, „um die
Grenzen der s. g. Autonomie, die Tragweite und die Wirkungen der-
selben auf Dritte zu bestimmen."3^) Schließlich geht Gerber noch
auf das Giech'sche Hausgesetz ein, um zu zeigen, daß dieses mit seiner
Auffassung ganz konform sei.
Prüfen wir nun die einander gegenüber stehenden Ansichten.
Wilda spricht, wie wir sahen, der Autonomie der hochadeligen
Familie die Bedeutung der Selbstgesetzgebung ab. Dennoch ist sie nach
ihm nicht identisch mit der Befugniß, durch Privatwillkür die Sätze des
vermittelnden Rechts abzuändern. Vielmehr sieht er in derselben das
Mittel, dessen sich der hohe Adel bedient habe, um die Anwendung des
Römischen Rechts, einschließlich, der absoluten Sätze desselben, auf seine
Vermögens- und Familienverhältnisse auszuschließen; und zwar legt er
derselben die Bedeutung eines derogatorischen Gewohnheitsrechts bei.
Damit wird die Autonomie zum Gewohnheitsrecht innerhalb des Stan-
des des hohen Adels überhaupt. Das, was man als Hausgesetz der
einzelnen Familie bezeichnet, würde zu einem einzelnen Falle der Rechts-
nnwendung werden, zu einer einzelnen Handlung, in der das Gewohn-
heitsrecht sich äußerte. Nun kann man allerdings heutzutage für eine
Anzahl von Instituten resp. Prinzipien, welche ihre hausgesetzliche Nor-
mirung in den Familien des hohen Adels gefunden haben, eine gemein-
rechtliche Geltung innerhalb des ganzen Standes in Anspruchs nehmen;
z. B. agnatische' Erbfolge, Jndividualsuecession, das Ebenbürtigkeits-
Prinzip. Allein man kann doch nicht sagen, daß sich dieselben gleich-

52) Kritische Ueberschan Bd. 6 S. 382 f
“) Dogmatische Jahrbücher Bd. 3 S. 430 s.
*4) A. a. O. S. 432 f.

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