Full text: Volume (Bd. 3 (1869))

244 von Mittelstaedt: Die Form der Mündlichkeit und Schriftlichkeit
ihres Kindes nicht meineidig wissen zu wollen." Welche Ueberzeugung
hatte der Richter aus der ganzen Sachlage und gerade aus dem Erlasse,
also aus der Nichtableistung des Eides, gewonnen? Gewiß nicht eine
Ueberzeugung, welche das prozessualisch freilich gebotene abweisende Ur-
theil rechtfertigen konnte.
Wir entscheiden uns für folgende Sätze: Entweder ist die
Eideszuschiebung und Annahme de facto ein Vergleich, so
ist dieWahrheit des Inhalts des Eides vergleichsweise fest-
gestellt und der Prüfung des Richters entzogen; oder dieVer-
gleichsnatur ist durch einen gegen die Eideszuschiebung erhobenen Wider-
spruch ausgeschlossen, so ist esSache des Richters zu entscheiden,
ob und wieweit ihn dieser lediglich als Beweismittel ge-
brauchte Eid zu überzeugen geschickt und ob derselbe über-
haupt zu erheben ist; endlich darf die Partei nicht zur Be-
eidigung von Thatsachen gedrängt werden, welche sie der
Gefahr eines bedenklichen Eides aussetzen, wenn der Rich-
ter seine Ueberzeugung aus denjenigen Thatsachen zu schöpfen im
Stande ist, welche der Schwörende als unzweifelhafte Wissenschaft be-
zeichnet.
e. Die freie Beweiswürdigung.
Der für die Herstellung der Aechtheit der richterlichen Information
unentbehrliche Grundsatz der Freiheit des Richters in der Würdigung
der Beweise hat zwar gegenwärtig alle Aussicht auf praktische Anerken-
nung, doch fehlt der Widerspruch gegen diese Neuerung keinesweges.
Es ist gewiß nicht gemeint, daß dem Zeugen, welcher trotz herzlich schlechten
Leumundes und noch schlechteren Charakters dennoch nicht selten klassisch
ist, dessen Phantasie vielleicht mehr ausgebildet ist als sein Unterschei-
dungsvermögen, der auch häufig die Neigung hat, sich zum Richter auf-
zuwerfen und nach seiner Anschauung das Zeugniß zu färben, eine größere
Glaubwürdigkeit ^geschrieben werden soll, als dem Richter. Im Gegen-
theil, dem richterlichen Augenschein wird ein ganz besonderes Maaß von
Beweiskraft beigelegt, aber der richterliche Augenschein darf die wichtigsten
Wahrnehmungen des Richters nicht verrathen. Wird diesem richterlichen
Augenschein stets das ihm gebührende Gewicht gestattet in der Frage
nach der fidos testium, utrum decurio an plebejus sit; an honestae et
inculpatae vitae an vero notatus quis et reprehensibilis; an locuples
vel egens sit, ut lucri causa quid facile admittat; vel an inimicus ei
sit, adversus quem testimonium fert, vel amicus ei, pro quo testimo-
nium dat? Wird diesem richterlichen Augenschein namentlich in Be-
ziehung auf die sichtliche Form und den wahrnehmbaren Inhalt des Zeug-
nisses die ihm gebührende Wichtigkeit beigelegt? qui simpliciter visi sint
dicere, utrum unum eundemque meditatum sermonem attulerint, an
ad ea, quae interrogaveras ex tempore verisimilia responderint?
Wenn das der Fall wäre, so müßte man sich?zu dem Worte des
D. Hadrianus bekennen: alias numerus testium, alias dignitas et aucto-
ritas, alias veluti consentiens fama confirmat rei, de qua quaeritur,
fidem, hoc ergo solum tibi rescribere possum summatim: ex sententia

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