Full text: Volume (Bd. 3 (1869))

236 von Mittelstaedt: Die Form der Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Aber ein anderes Recht der Partei muß diesem Rechte zur Seite
stehen: Das Recht der Ladung des Zeugen zur mündlichen Verhand-
lung. Dieses Rechtes bedarf sowohl die Partei, gegen deren Protest
eine Antwort des Zeugen protokollirt ist, als auch diejenige Partei,
welcher die Vorlegung einer Frage an den Zeugen verweigert ist. Dieses
Rechtes bedarf jede Partei, welche mit der Zeugenvernehmung unzufrie-
den ist, 'oder welche bezweifelt, daß das Protokoll eine treue Kopie der
Zeugenaussage sei. Es ist zu bekannt, wie wesentlich verändert die
Zeugenaussage in den meisten Fällen auf das Papier gelangt. Die un-
gebildetsten, verwirrtesten Menschen produziren sich in edler Sprache, mit
richtiger Logik, wohl gar mit juristischen Kunstausdrücken bewaffnet;
und was bleibt häufig von ihrer eigenen Wahrnehmung, was von ihren
eigenen Gedanken übrig?
Dagegen ist die Regel der steten Vernehmung der Zeugen vor dem
erkennenden Richter unausführbar und unnothwendig. Unnothwendig
ist sie, wenn die Zeugenaussage so gut wie gar keine bestimmte Phy-
siognomie hat, wenn beispielsweise der Zeuge nichts Anderes bekundet,
als „daß der Vater des Verklagten im Jahre 1860 verstorben ist" oder
„daß der Kläger im Jahre 1860 sein Haus gekauft hat" :c. oder „daß
ihm von der Streitsache nicht das mindeste bekannt sei.". In allen
Fällen, in denen die Zeugenaussage dadurch, daß sie aus dem Munde
des Zeugen kommt, keinen anderen Charakter annimmt, als welchen ihr
die Vorlesung ihres protokollirten Inhaltes giebt, ist es ungerechtfertigt,
einer Regel zu Liebe dem Richter besondere Mühe und oen Parteien
besondere Kosten zu verursachen.
Für die Frage, welche Zeugen zu laden seien, giebt aber der An-
trag der Parteien eine feste Grenze. Wenn von den Parteien keine die
Ladung des Zeugen begehrt, so ist mit ziemlicher Gewißheit anzunehmen,
daß die Glaubhaftigkeit oder Standhaftigkeit des Zeugen zweifellos, oder
daß das in dem Protokolle entworfene Bild der Zeugenaussage wesent-
lich treu ist. Die Anordnung fernerer Ladungen Seitens des Gerichts
muß selbstredend Vorbehalten bleiben.
Unausführbar ist die Ladung verstorbener, kranker, weit entfernter
Zeugen. Unausführbar ist ferner die Abhaltung des Gerichts in loco
des Streites. Wenn es darauf ankommt, zu ermitteln, ob der Besitz-
vorgänger des Klägers den Acker A oder den Acker B benutzt habe, so
geht der Richterkommissar mit Parteien und Zeugen in die Flur und
fragt die Parteien: welches ist der Acker A, welches ist der Acker B?
und die Zeugen: welchen von diesen beiden Aeckern hat der Vorfahr
des Klägers benutzt? Wenn die Zeugen demnächst ohne den Acker vor
dem erkennenden Gerichte erscheinen, so wird ihre Aussage unsicherer
sein, als sie es im Anblicke oes Ackers war.
Endlich wird, auch die schriftliche Beurkundung der Zeugenaussagen
zur Ausführung der Berufung über die Thatfrage in vielen Fällen als
wesentlich erscheinen; und ist dieselbe deshalb wenigstens so weit beizu-
behalten, als sie dem Zwecke der richterlichen Information zu dienen
geschickt ist. Die Verwerfung der Berufung über die Thatfrage zur
Ermöglichung einer vollständigen Zeugenvernehmung coram judice dürfte

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