Full text: Volume (Bd. 3 (1869))

190 Endemann: Ueber die Entwickelung des Wechsels und des Wechselrechts.
sah man nicht ein und vermochte nicht zu deduziren, warum und wes-
wegen eigentlich. Aber wie hätte man nicht unwillkührlich doch heraus-
empfinden sollen, daß bei den kanonistisch gefärbten Schriftstellern Nichts
mehr zu holen sei? Wir werden sagen, daß es gar nicht anders sein
konnte, wenn wir erkennen, daß eben die Ideen, von welchen die Kano-
nisten bewegt werden mußten, nun nicht mehr maßgebend sein konnten.
Die alte Doktrin siechte also dabin. Man dachte immer weniger
an die Diskurse der Italiener über das Wechselrecht. Indessen tabula,
rasa für einen neuen Aufbau der Wechsellehre in Uebereinstimmung
mit den Schöpfungen eines von neuen wirtschaftlichen Anschauungen
getragenen Verkehrslebens war damit noch lange nicht gewonnen. Dazu
hätte es einer andern Methode bedurft, als sie der Wissenschaft eigen
war, welche Alles eher begriff,-als die realistische Erfassung der Dinge.
War kein Grund mehr, den Wechsel mit scholastischer Kunst zu zer-
gliedern, um damit den Beweis zu liefern, daß er kein negotium usu-
rarium sei, so blieb doch der Grund übrig, daß die Wissenschaft selbst
nach wie vor in scholastischem Geiste befangen war. An die Stelle der
kanonistischen Prüfungen des Wechsels traten in getreuer Uebereinstimmung
mit den veränderten Richtungen der Doktrin und doch trotz dieser Ver-
rückung des Zielpunktes einmal wie das andere Mal echt schematistisch
andere Prüfungen, bald vom philosophisch-aprioristischen, bald vom
historischen, bald vom Römischen, bald vom Deutschrechtlichen Standpunkte
aus. Seitdem man insonderheit das Römische Vertragssystem genau
kennen gelernt und uns die Ueberzeugung eingeredet hatte, daß dies
Vertragssystem für uns das allein gültige, daß es in sich vollendet sei
und Nichts, was nicht in ihm enthalten, neben sich dulde, war dann
glücklich die Unterlage zu Untersuchungen des Wechsels gewonnen, welche
sich, was die Methode betrifft, vollkommen ebenbürtig den alten kano-
nistischen Erklärungsversuchen zur Seite stellen.
Nicht mehr, weil es das kirchliche Dogma und das weltliche Gesetz
wider usura, wohl aber, weil es die Macht der Wissenschaft oder die
Ueberzeugung von der Unfehlbarkeit und erschöpfenden Vollständigkeit der
traditionellen Lehre, vor Allem der Römischrechtlichen, so verlangte,
mußte immer wieder mit dem Aufwande allen Scharfsinns deduzirt
werden, ob und in welche anerkannte Rubrik quellenmäßiger Rechts-
geschäfte der Wechsel unterzubringen sei. Und wenn auch allmählig, wie
das ganze Vertragssystem, so auch der Wechsel eine etwas freiere Hand-
habung erfahren hat, wenn man sich nicht mehr so ängstlich an die
Schablone des überlieferten Rechtes, wie es in den positiven Quellen
niedergelegt erscheint, zu binden pflegt, es bleibt doch noch Grund' genug
zur Klage über die Unnatur und die Erfolglosigkeit der juristischen Kon-
struktion. Es kann nicht anders sein. Denn der Widerspruch mit den
Thatsachen des Verkehrs und dem dort sich offenbarenden Wesen des
Wechsels läßt sich nicht verdecken, tritt im Gegentheil, wie so mancher
andere Riß zwischen Theorie und Wirklichkeit, immer greller hervor.
Betrachten wir unsererseits, ohne uns an Schulbegriffe und Schul-
streitigkeiten gefangen zu geben, die Natur des Wechsels, so fällt uns
zuvörderst die Neigung desselben auf, sich von einer besonderen causa, von

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