Full text: Volume (Bd. 3 (1869))

Endemann: Ueber die Entwickelung des Wechsels und des Wechselrechts. 183
tiver Selbstverwaltung seine eigene Jurisdiktion über alle Standes-
genossen zu üben befugt sei.
Die Kaufleute besaßen in den Innungen, Kollegien, Gilden eine
Sondergerichtsbarkeit unter ihren Vorstehern, Konsuln, oder wie sie
sonst heißen mögen. Wir haben gesehen, wie sich daran anknüpfend die
Meßgerichtsbarkeit entwickelte. Sie war nichts Anderes, als eine er-
weiterte und für den speziellen Zweck des Marktverkehrs besonders be-
festigte Organisation der kaufmännischen Jurisdiktion. Innerhalb dieses
für sich bestehenden Gerichtswesens konnte sich eine Rechtspflege, welche,
eben weil sie den besondern Bedürfnissen des Handelsverkehrs entsprach
und darum vielfach von der übrigen Rechtspflege abwich, frei entwickeln;
und wenn auch die Strömung, unter welche in jenen Perioden alles
geistige Leben gestellt erscheint, der Autoritätsglaube, die Formelsucht
und schematische Künstlichkeit, so allmächtig regierte, daß selbst die
Handelsrechtspflege derselben sich keineswegs zu entziehen vermochte, so
war doch wenigstens die Möglichkeit gewonnen, äußerlich durch Ab-
schneidung aufhaltender Formalitäten, durch besseres Verständniß des
praktischen Lebens und Benutzung der dort gemachten Beobachtungen
der Handelsrechtspflege relativ eine nicht geringe Förderung zu Wege
zu bringen und dem forum mercatorum schon damals ern gewisses
Uebergewicht zu sichern.
An diesen Vortheilen nahm der Wechsel als ein kaufmännisches
Institut, und das war er ja von seinem ersten Auftreten an, als er
noch ausschließlich in Händen einer einzigen Spezialklasse der Kaufleute,
in den Händen der Bankiers sich befand, vollen Antheil. Er reihte
sich namentlich häufig den im damaligen Handelsverkehr sehr üblichen
exekutorischen Urkunden an, welche zwar nicht mehr, wie in ihren
frühesten beschränkten Anfängen, auf eigentliche Selbsthülfe des Berech-
tigten, wohl aber auf eine wesentlich beschleunigte, durch Einreden mög-
lichst wenig gehinderte Gerichtshülfe berechnet waren.
Die Lage des Wechsels war also die: Entweder konnte er in die
Form einer exekutorischen Urkunde gekleidet sein; alsdann gebührte ihm
die ganz besonders beschleunigte und strenge Rechtshülse dieser Art von
Schulddokumenten. Oder er war eine einfache, nicht im engeren Sinne
gerade exekutorische Urkunde; dann hatte er immer noch im Vergleiche
zu einem Schuldschein des sonstigen bürgerlichen Rechts die einfachere
Rechtshülfe, welche seine Qualität als kaufmännisches Institut mit sich
brachte.
Man weiß nun einerseits, wie der Begriff der exekutiven'Urkunden
gleichen Schrittes mit einer Abschwächung des ursprünglich höchst inten-
siven Exekutionsmodus sich verbreiterte, ia zuletzt fast verschwommen ist.
Man begreift andererseits leicht, daß der Wechsel allgemeinhin, auch
ohne Rücksicht auf die spezielle exekutorische Form, die möglichst rasche
und strikte Exekution begehren mußte. Beides zusammen erklärt voll-
kommen, daß innerhalb des Gebietes der Handelsrechtspflege die Wechsel-
prozedur zu einer aparten Prozeßart wurde. Wozu nock an dem
Wechsel nach einer äußerlich in besonderer Form sich kundgebenden exe-
kutivischen Qualität fragen, wenn jeder Wechsel dasselbe Bedürfniß

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