Full text: Volume (Bd. 47 = 2.F. 11 (1904))

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Heinrich Litze,

für ihn im Gasthof abgegeben werden, schon im Moment der
Abgabe „zugegangen" sind.
Anders liegt die Sache, wenn der Gastwirt Schriftstücke
für den Reisenden annimmt, ehe dieser selbst noch im Hotel
eingetroffen ist^). Dann vollendet sich das Zugehen nicht
schon mit der Aushändigung der Briefe an das Hotelpersonal,
sondern erst mit der Ankunft des Adressaten im
Gasthof. Denn selbst wenn der Gast schon vorher unmittel-
barer Besitzer der auf ihn harrenden Briefe geworden sein sollte
— worüber sich streiten läßt — so würde es doch bis zur
Ankunft im Hotel an dem anderen Requisite: der normalen
Möglichkeit der Kenntnisnahme fehlen.
Die letztere Behauptung bedarf freilich noch eines kurzen
Beweises. Zwar ist klar, daß der Reisende die für ihn im
Hotel lagernden Briefe nicht eher lesen kann, als bis er dort
abgestiegen ist. Tragen indessen die Fälle der verfrühten An-
kunft von Briefen im Vergleich zu den vorhin besprochenen
nicht so sehr den Charakter von Ausnahmefällen an sich,
daß sie bei der Bestimmung des Zeitpunktes des Zugehens
außer Betracht zu bleiben haben? Muß nicht „normaler-
weise" davon ausgegangen werden, daß der Gast zu der
Zeit, wo Briefe für ihn einlaufen, auch bereits im Gasthof
wohnt?
Die Frage ist zu verneinen. Nicht sowohl deshalb, weil es
durchaus nichts Seltenes ist, daß Briefe, die man auf Reisen
erhält, im Gasthos eher eintreffen, als man selbst dort ankommt.
Sondern vor allem aus folgendem Grunde. Die Theorie von
der normalen Möglichkeit der Kenntnisnahme läuft in letzter
Linie auf die — im Sinne des Rechts unwiderlegliche — Ver-
mutung hinaus, daß Briefe, die in verkehrsüblicher Weise in
95) Von diesen Fällen handeln Postordnung § 39 IV, § 42 iv und
Telegraphenordnung § 20 vm.

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