Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 47 = 2.F. 11 (1904))

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Regelsberger,

bei der Klage aus der Grunddienstbarkeit). Somit scheint der
Schluß gerechtfertigt, daß der Ersitzende das bisherige Eigen-
tum erworben hat. Vom formalistischen Standpunkt ja.
Anders stellt sich das Urteil, wenn man die Frage praktisch er-
wägt. Was ist der Zweck der Aktivservituten? Sie sollen die
Brauchbarkeit des herrschenden Grundstücks wenn nicht ermög-
lichen, so doch erhöhen. Wegen dieser Bedeutung für das
wirtschaftliche Wesen des Grundstücks nennt sie der Jurist
Celsus Eigenschaften des Grundstücks: Huid aliud sunt jura
praediorum quam praedia qualiter se habentia, ut bonitas,
salubritas, amplitudo (L. 86 V. 8. 50, 16). Ihre Erlöschung
an den vorübergehenden Austritt des Grundstücks aus dem
Eigentumsverhältnis zu knüpfen, wäre eine wirtschaftlich be-
dauerliche Maßnahme gewesen. Die römische Jurisprudenz hat
solchen praktischen Forderungen gegenüber kein non possumus
aus Rücksichten der juristischen Logik gekannt. Insoweit galt
ihr der Bestand der Aktivservitut vom Schicksal des Eigentums
am herrschenden Grundstück unabhängig. Damit ist jenem
Schluß auf die abgeleitete Natur der Ersitzung der Boden ent-
zogen. Sonst spricht alles für die Auffassung, daß die Er-
sitzung neues Eigentum begründet mit Vernichtung des bis-
herigen, jenes die Ursache, diese die Folge.
Gierte (Deutsch. P.R., §32 N. 2) meint, es entspreche
„der geschichtlich entwickelten Lebensanschauung" für die Ersitzung
und für den deutschrechtlichen Erwerb durch den redlichen Er-
werber an dem Gedanken der Rechtsnachfolge festzuhalten. Ich
bin sehr empfänglich für alle Spuren volksmäßiger Reckts-
bildung und bin sehr geneigt, ihnen in der Darstellung des
Rechts Rechnung zu tragen. Aber in Sachen der juristischen
Konstruktion kann ich diese Instanz nicht anerkennen. Der
Jurist muß auf scharfer Scheidung der Begriffe bestehen.

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