Full text: Zeitschrift für Gesetzgebung und Rechtspflege in Preußen (Bd. 2 (1868))

.Ernst Friede!: Zur Lehre von der Entmündung.

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widersprechenden Gutachten, ärgerlichen Austritten,. Beschwerden wi Ver-
anlassung geben: Es sind: . .
V :. ; '• a) die Paralyse der Irren, •- .
b) der Schwachsinn und/:
/ e) die Folie raisonnante.
; Zu a. Es mag den Psychiatern überlassen bleiben zu erklären,
weshalb diese so entsetzliche, weitverbreitete moderne Geisteskrankheit so
bäufig medizinisch verkannt, wird, hier interessirt uns nur das Entmün-
digungsverfahren p in welchem die paralytisch Blödsinnigen deshalb oft
so schwierig psychologisch nichtig zu würdigen sind, weil ihre-Krankheit
nicht selten -gewissermaßen latent oder in der Rückbildung begriffen zu
sein scheint. Die Paralytiker betragen sich daim ganz vernünftig und
täuschen Unerfahrene, während über 8 Tage vielleicht wieder der rettungs-
lose Verfall der. geistigen Kräfte der Provokaten deutlich hervortritt.
Nicht zu-verwechseln sind diese Paralytiker mit den intermittirend Geistes-
kranken, die sehr alt werden können, während die Paralyse unheilbar ist
und fast immer innerhalb dreier Jahre zum Tode führt.
Zu b. Unter den Schwachsinnigen giebt es welche, deren Reden
im Protokoll sehr anmuthig zu lesen sind, deren Plane und Absichten
höchst löblich erscheinen. Ja, wenn sie nur im Stande wären solche
auszuführen. Kein Bitten, Zureden, kein Drohen, keine Strafe, keine
Gewalt bringt den allmählich in einen psychischen Schwächezustand Ver-
fallenen zur That. Wenn man mit Aristoteles eine Dynamis und
eine Energeia des Willens unterscheidet, so muß man sagen, diese Art
von Schwachsinnigen hat zwar noch die Dynamis des Willens, .da-
gegen fehlt ihnen dre Energeia. Dergleichen Unglückliche müssen, mögen die
Angehörigen oder gar einer der Sachverständigen noch so sehr opponiren,
als dispositions unfähig erachtet und unter KNratel gestellt werden.
Zu o. Seit etwa 20 Jahren beobachtet man einen Zustand psychischer
Schwäche genauer, den die Franzosen sehr treffend folio raisonnante
nennen. Nach Versicherung von Irrenärzten zu Paris nimmt man in
den dortigen Anstalten lieber ein Dutzend Rasende wie einen fou rai-
sonneur auf. Diese Irren sind gewissermaßen der böse Genius der
Jrrenasyle, sre Hetzen die Kranken zusammen und gegen die Wärter
auf, sie verbittern dem Arzt das Leben gründlich, spmnen fortwährend
Jntriguen an,' halten sich stets für unschuldig verfolgt und belästigen
alle Behörden bis zum Minister, dem Landtage und Landesherrn hin-
auf mit unbegründeten Klagen. Dergleichen weibliche Kranke sind wahr-
haft megärenartige Geschöpfe, die sich aber oft höchst listig zu verstellen
wissen. Unerfahrene Aerzte geben diesen höchst gemeingefährlichen, das
aroße Pubsikum regelmäßig täuschenden Irren nicht selten bona fide
Leumunds- und Gesundheits-Atteste in die Hand, die natürlich eine er-
giebige Quelle zu neuem Unfug werden. Und doch ist für einen tüchtigen
Psychologen die Entlarvuna der folio raisonnante nicht allzu schwierig;
bei scheinbar gesundem Raisonnement zeigt der betreffende Irre doch eine
auf tiefe Gemüths-Schwäche deutende Störung des geistigen Allgemein-
befindens, er raisonnirt zwar noch meist formell richtig, aber von ver-
kehrten materiellen Prämissen aus. Beherzigt man, wie namenloses
Zeitschr. f. Gesetzgebung u. Rechtspflege. II. 18

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