Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 37 = 2.F. 1 (1897))

Adäquater und inadäquater Kausalzusammenhang.

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die adäquate Folge eines schuldhaften Verhaltens ist. Diese
Ausführungen haben für uns ein um so höheres Interesse,
als dieselben ihrer Natur nach auch zu Gunsten der Verwen-
dung dieses Beurtheilungsprinzips in der civilrechtlichen Lehre
vom Interesse ins Feld geführt werden können, v. Kries
führt aus:
Indem ich mich zunächst an die Postulate des allgemeinen
Rechtsgefühls halte, glaube ich unbedenklich den Satz aus-
sprechen zu können, daß der Urheber einer schuld-
haften Handlung stets nur für die adäquaten,
nicht aber für die zufälligen Folgen derselben
verantwortlich gemacht werden faiut35). Eine
Körperverletzung kann z. B. in rein zufälliger Weise den
Tod verursachen, etwa dadurch, daß der Verletzte den Arzt
aufsucht und in dessen Hause eine ansteckende Krankheit acquirirt
oder auf dem Wege den Hals bricht rc. Man wird nicht dar-
an denken können, diesen Fall im Sinne des § 226 als
eine Körperverletzung, welche den Tod des Verletzten zur Folge
gehabt hat, zu behandeln. Ebensowenig würde es zulässig
erscheinen, den § 222 bei dem Beispiele in Anwendung zu
bringen, daß das Schlafen des Kutschers den Tod des Reisen-
den durch Blitzschlag herbeiführte, wiewohl das Gesetz einfach
sagt: „Wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen ver-
ursacht" rc. — Es ist wohl auch nicht schwierig, den tieferen
Grund dieser Beurtheilungsweise anzugeben. Wie die Be-
schaffenheit eines Gegenstandes durch die Wirkungen, die er in
einem konkreten Falle ausübt, keineswegs vollständig gegeben,
35) Völlig übereinstimmend Merkel, Lehrbuch des Strafrechts,
S. 99—102: Das Strafrecht berücksichtigt nur solche Bedingungsverhält-
nisse, welchen die Erfahrung eine allgemeine Bedeutung zuerkennen läßt.
Völlig singuläre Verbindungen von Handlungen und Handlungserfolgen
begründen keine strafrechtliche Verantwortlichkeit für die letzteren. —
Anm. d. Verf.

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