Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 34 = N.F. 22 (1895))

Besprechung reichsgerichtlicher Entscheidungen.

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Stande gekommen, also die Uebergabe der verkauften Waare
vom Verkäufer an den Käufer vollzogen. Der Verkäufer
habe damit die ihm aus dem Kaufverträge obliegenden Ver-
pflichtungen erfüllt und hafte dem Käufer nur noch als Ver-
wahrer. Es liege also ein in Amsterdam erfülltes Platzgeschäst,
kein Distanzgeschäft vor. Der Käufer habe mithin die Waare
in Amsterdam innerhalb billiger Frist nach dem 28. März
1891, als dem Tage der Uebergabe, untersuchen und etwaige
bei der Untersuchung erkennbare Mängel alsbald rügen müssen.
Da er seine Rüge erst am 28. Januar 1892 erhoben, sei sie
verspätet.
Dies Erkenntniß ist in mehrfacher Beziehung bedenklich:
1) Ich vermag aus dem vom Reichsgericht berichteten
Thatbestande nicht zu entnehmen, daß der Verkäufer am
28. März 1891 die verkaufte Waare wirklich mittels Konstituts
an den Käufer übergeben hat. Denn es ist nicht gesagt, daß
der Verkäufer damals die Waare von seinen sonstigen Vor-
räthen getrennt hat, und daß dies in der Rechnung vermerkt
worden ist; namentlich giebt die Rechnung, soweit das Reichs-
gericht sie mittheilt, nicht an, daß und wie die für den Käufer
auf Lager gehaltenen Packe gezeichnet seien. Selbstverständlich
ist die Abtrennung nicht. Es fehlt also die erste Voraussetzung
der Besitzübergabe: die Individualisirung des zu übergebenden
Gegenstandes.
2) Gesetzt aber auch, die Individualisirung sei in einer
für den Käufer erkennbaren Weise erfolgt und die Besitzüber-
gabe wirklich zu Stande gekommen, so vermag ich die Be-
hauptung nicht zu billigen, daß dadurch das Kaufgeschäft den
Charakter eines Platzgeschäftes erhalten habe und der Käufer
zu sofortiger Untersuchung der Waare verpflichtet gewesen sei.
Aus der Rechnung geht nämlich hervor, daß der Verkäufer
die Absendung der Waare zu besorgen hatte; denn unter der

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