Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 45 = 2.F. 9 (1903))

Vorvertrag und die rechtliche Natur der sog. Realkontrakte.

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§2. Die Frage nach dem thatsächlichen Vor-
kommen der Vorverträge und nach der Oppor-
tunität ihrer rechtlichen Anerkennung.
Die bisherige Art der Behandlung der Lehre vom Vor-
verträge krankt an einem erheblichen methodischen Fehler. Man
sucht die rechtliche Natur des Vorvertrages zu erforschen und
zu bestimmen; aber ihn selbst, den man als Gegenstand der
Untersuchung bezeichnet, hat noch Niemand lebendig vor Augen
gesehen, — ebensowenig, wie von allen den Seefahrern, die
von Zeit zu Zeit die große Seeschlange so anschaulich zu
schildern wußten, sie jemals wirklich einer zu Gesicht be-
kommen hat.
In der für die herrschende Lehre grundlegenden Abhandlung
von Degenkolb wird uns das paetum äs contrahendo be-
schrieben als ein Vertrag, in dem sich Jemand einem Anderen
zum Abschluß eines Vertrages (des „Hauptvertrages") ver-
pflichtet, und hiernach als der Gegenstand der übernommenen
Verpflichtung die Mitwirkung des Promittenten zum Abschluß
eines anderen Vertrages bezeichnet. Ein solcher Vertrag müßte
also folgende Gestalt haben: „A verspricht (verpflichtet sich),
dem B das Grundstück X für 1000 (oder für einen irgendwie
relativ bestimmten Preis) abzukaufen, oder für den und den Preis
zu verkaufen, zu vermiethen" u. s. w. Oder: „A verspricht,
mit B einen Darlehnsvertrag über 1000, einen Leihvertrag,
einen Derwahrungsvertrag, einen Verpsändungsvertrag in Be-
treff der Sache zu schließen."
Nirgends aber wird uns ein lebendes Exemplar dieses
Vorvertrages, ein wirklich im Leben einmal vorgekommener
Fall dieser Spezies von Verträgen vorgezeigt. Das wirkliche
Vorkommen solcher Verträge wird einfach als etwas Unbe-
strittenes und Unbestreitbares vorausgesetzt.

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