Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 45 = 2.F. 9 (1903))

2

Schloßmann,

Zu diesen Begriffen gehört, wie ich glaube, auch der
„Vorvertrag". In früherer Zeit nicht sonderlich respektirt,
hat man ihn, seit Degenkolb in seiner bekannten Abhand-
lung i) ihn einer gründlichen Restauration unterzogen und
ihm ein, jedenfalls im Vergleich mit seinem früheren faden-
scheinigen Zustande, ansehnliches Gepräge gegeben, als ein
werthvolles Inventarstück zu schätzen begonnen, und räumt ihm
jetzt in der Praxis bei den verschiedensten Gelegenheiten gleiches
Recht mit den anerkannten Größen des Systems ein. Und
dennoch haben wir es hier mit einem hohlen Begriffe zu thun
und sollten ihn sobald als möglich bei Seite schaffen, nicht nur
um Zeit und Mühe für den Ausbau anderer, wirklich werth-
voller Begriffe und Institutionen aufzusparen, sondern auch um
dem Uebergreifen der in ihm herrschenden unrichtigen dog-
matischen Anschauungen auf andere Gebiete vorzubeugen. Ich
glaube nicht, daß es viele Punkte giebt, in denen dieser Rechts-
begriff in der Praxis unmittelbaren Schaden angerichtet hat.
Aber es ist schon ein Schade, wenn Praxis und Wiffen-
schaft genöthigt sind, fortwährend sich mit überflüssigen und
unhaltbaren Kategorien herumzuschlagen, und bei der Begrün-
dung ihrer Entscheidungen stets Umwege über die durch sie
markirten Punkte nehmen und ihnen einen Tribut, auf den sie
keinerlei Anspruch haben, zollen zu müssen. Es wird sich aber
zeigen, daß in gewissen Beziehungen durch sie auch geradezu
falsche Entscheidungen gezeitigt werden können.
Ich will meine Bedenken gegen den Vorvertrag überhaupt
und die jetzt zur Herrschaft gelangte Theorie vom Vorvertrag
insbesondere im Folgenden darzulegen versuchen.

l) „Der Begriff des Vorvertrages", 1871, von neuem abgedruckt im
Arch. f. civ. Pr., Bd. 71 S- i ff. „Zur Lehre vom Vorvertrag". (Ich
eitire diese Abhandlung nach den Seitenzahlen im Arch. f. civ. Pr.)

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer