Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 42 = 2.F. 6 (1901))

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E. Hölder,

treffen müssen, damit ein anderes Rechtsgeschäft wegen eines
Irrthums über seinen Inhalt angefochten werden könne. Daß
es des Hinzutritts dieser Umstände zum „Irrthum in der
Person" nicht bedarf, damit seinetwegen die Ehe angefochten
werden könne, hat seinen Grund in der Annahme ihrer durch
seine Existenz gegebenen Existenz. Bei anderen Rechtsgeschäften ist
es mir nicht nothwendig um die bestimmte Person oder Sache
zu thun. Ist die Person oder Sache, der gegenüber, ich handle,
eine andere als diejenige, der gegenüber ich zu handeln glaube,
so versteht stch nicht von selbst, daß ich ohne meinen Irrthum
die Handlung unterlassen hätte. Dem zur Ehe Schreitenden
ist es dagegen darum zu thun, eine bestimmte Person zu tm-
rathen, und es erscheint daher als selbstverständlich, daß er diese
Person nicht geheirathet hätte, wenn er gewußt hätte, daß sie
nicht die Person ist, die er zu heirathen glaubte. Es erheb!
sich nun aber die Frage, wann diese Verschiedenheit besteht.
II.
Die Bezeichnung der Identität *) beruht aus einer Ver-
gleichung, deren Ergebniß ist, daß die mit einander verglichenen
Gegenstände sich von einander nicht unterscheiden. Es ist aber
nicht möglich, daß sie in keiner Weise sich von einander unter-
scheiden, da sonst zwei mit einander vergleichbare Gegenstände
überhaupt nicht vorlägen. Zwei Aussagen sind identisch, wenn
zwar ihre Fassung eine verschiedene, aber ihr Inhalt derselbe
ist. Für reale Gegenstände erhebt sich die Frage ihrer Iden-
tität durch die bezüglich derselben im Laufe der Zeit ein-
tretenden Aenderungen. Jeder Eintritt einer solchen bewirkt,
daß der Gegenstand in größerem oder geringerem Maße ein
anderer, also nicht mehr schlechthin derselbe ist, der er bisher
i) Vgl. dazu Fischer, Das Problem der Identität und der Neu-
heit, 1892 und meine Pandekten S 174 ff.

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