Metadaten : Jhering, Rudolf von: ¬Das Trinkgeld

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Das  zweite  Beispiel  glaube  ich  in  den  Bedienten
der  grossen  Städte  gefunden  zu  haben.  In  vornehmen ¬
  Häusern  mit  ausgedehnter  Geselligkeit
bildet,  wie  oben  bemerkt  ward,  das  Trinkgeld  für
sie  eine  Einnahmequelle  von  ganz  enormer  Ergiebigkeit, -
  und  der  Einfluss,  den  dasselbe  auf  sie
äussert,  ist  ganz  derselbe  wie  im  obigen  Fall.
Auch  sie  spielen,  wenn  sie  unter  sich  sind,  den
grossen  Herrn,  sie  copiren  ihre  Herrschaft,  sogar
bis  zu  dem  Grade,  dass  sie  deren  Namen  annehmen ¬
  —  man  hört  hier  die  Namen  der  höchsten
Aristokratie  —,  sie  machen  in  noblen  Passionen:
in  Hazardspiel,  Bällen  etc.  Die  Strafe  für  die
Gesellschaftskreise,  welche  diesen  Unfug  durch
das  masslose  Hinaufschrauben  der  Trinkgelder
genährt  haben,  ist  denn  freilich  auch  nicht  ausgeblieben, ¬
  sie  besteht  in  der  sittlichen  Verwilderung
dieser  Menschenclasse:  ihrer  Unzuverlässigkeit,
Unehrlichkeit,  Unbotmässigkeit,  Faulheit,  über  die
man  in  grossen  Städten  so  oft  klagen  hört  —  wer
einem  Bedienten  die  Mittel  giebt,  den  grossen  Herrn
zu  spielen,  hat  es  sich  selber  zuzuschreiben,  wenn
derselbe  als  Bedienter  nicht  mehr  zu  gebrauchen  ist.
Ich  darf  die  Schilderung,  die  ich  im  Bisherigen
von  den  verderblichen  Wirkungen  des  Trinkgeldes
entworfen  habe,  nicht  in  dieser  Gestalt  in  die
Welt  gehen  lassen,  ich  muss  ihr  eine  Verwahrung
hinzufügen,  die  mich  gegen  den  Vorwurf  der
Debertreibung  und  gegen  die  allerdings  nicht
r.  Jhering,  Das  Trinkgeld.
            
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