— 49
Das zweite Beispiel glaube ich in den Bedienten
der grossen Städte gefunden zu haben. In vornehmen ¬
Häusern mit ausgedehnter Geselligkeit
bildet, wie oben bemerkt ward, das Trinkgeld für
sie eine Einnahmequelle von ganz enormer Ergiebigkeit, -
und der Einfluss, den dasselbe auf sie
äussert, ist ganz derselbe wie im obigen Fall.
Auch sie spielen, wenn sie unter sich sind, den
grossen Herrn, sie copiren ihre Herrschaft, sogar
bis zu dem Grade, dass sie deren Namen annehmen ¬
— man hört hier die Namen der höchsten
Aristokratie —, sie machen in noblen Passionen:
in Hazardspiel, Bällen etc. Die Strafe für die
Gesellschaftskreise, welche diesen Unfug durch
das masslose Hinaufschrauben der Trinkgelder
genährt haben, ist denn freilich auch nicht ausgeblieben, ¬
sie besteht in der sittlichen Verwilderung
dieser Menschenclasse: ihrer Unzuverlässigkeit,
Unehrlichkeit, Unbotmässigkeit, Faulheit, über die
man in grossen Städten so oft klagen hört — wer
einem Bedienten die Mittel giebt, den grossen Herrn
zu spielen, hat es sich selber zuzuschreiben, wenn
derselbe als Bedienter nicht mehr zu gebrauchen ist.
Ich darf die Schilderung, die ich im Bisherigen
von den verderblichen Wirkungen des Trinkgeldes
entworfen habe, nicht in dieser Gestalt in die
Welt gehen lassen, ich muss ihr eine Verwahrung
hinzufügen, die mich gegen den Vorwurf der
Debertreibung und gegen die allerdings nicht
r. Jhering, Das Trinkgeld.