Full text: Volume (Bd. 8 (1875))

664 Dahn: Zur Reform des Rechtsstudiums an den preußischen Hochschulen.
dreistündige für Wechselrecht, eine zweistündige für Seerecht neben
einander rechtfertigen.
Die deutsche Rechtsgeschichte hat eine Vertiefung und Bereiche-
rung erfahren, welche früher kaum der römischen zuerkannt wurde:
es ist schlechterdings nicht mehr möglich, in den für diese Vorlesung
herkömmlichen fünf Stunden neben der Quellengeschichte und der
Verfafsungsgeschichte die Geschichte der Institute des Privatrechts er-
schöpfend zu geben, geschweige denn auch das Strafrecht, den Civil-
und Strasproceß der Germanen darzustellen. Gerade eine solche Be-
handlung, der deutschen Rechtsgeschichte, welche dieselbe stets in leben-
digem Zusammenhang mit den Culturzuständen entwickelt und die doch
sehr wünschenswerth ist, wird durch solche Beschränkung der Zeit fast
undurchführbar:
Die lebhaften Kämpfe unserer Zeit, in welchen die alten princi-
piellen Streitfragen über die Abgrenzung des Macht- und Wirkungs-
gebiets von Staat und Gesellschaft, Staat und Kirche, Recht und
Moral, Moral und Religion in neuen Wendungen ausgefochten wer-
den, machen eine gründliche rechtsphilosophische Durchbildung unserer
Heranwachsenden Juristen-Generation dringend wünschenswerth.
Eine Vorlesung über allgemeine Staatslehre (Politik) auf Grund
vergleichender Verfassungsgeschichte scheint als Einführung in das Stu-
dium ,der positiven Staatsrechte, des deutschen Reichsrechts und des
preußischen Staatsrechts, dermalen fast unerläßlich: schon die compli-
cirte Natur der staatlichen Gebilde in unsrem Reich setzt solche all-
gemeine Orientirung voraus. Und es ist pädagogisch sehr mißlich, den
nur an privatrechtliche Begriffe gewöhnten Anfänger ohne solche ver-
mittelnde, überleitende Vorbereitung plötzlich in das Detail eines posi-
tiven Staatsrechts zu stürzen: man muß dann in der betreffenden
V^lefung allgemeine Einleitungen und verfassungsgeschichtliche Rück-
blicke geben, welche allzuviel Zeit der Darstellung des positiven Rechts?
stoffes wegnehmen. Auch ist ein solches Colleg, auf vergleichender
Rechts- und Verfafsungsgeschichte aufgebaut, eine sehr wohlthätige
Einpflanzung historischer Schulung, historischer Anschauung, eine gute
Vorbeugung oder auch Austreibung gegenüber dem schalen und uto-
pistischen Radicalismus, dem oft gerade die strebsamste Jugend befällt.
Man hat sich ferner überzeugt, daß, nicht minder als theologische,
philologische und historische, juristische Seminarien nothwendig sind;
es ist darüber wohl kein Wort mehr nöthig: in Bayern haben her-

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