Full text: Volume (Bd. 8 (1875))

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Schirmer: Ueber den Satz „Animo retinetur *possessio.“
daß die Proculeianer, indem sie die Fortdauer des bisherigen Besitzes
trotz der Oceupation behaupten, nichtsdestoweniger zugleich den Occu-
panten Dritten gegenüber als Besitzer hätten anerkennen wollen. DaS
Gleiche gilt von Paullus. — Soll also in der That der Occupant
den Angriffen eines Jeden schutzlos ausgesetzt sein? Soll er wirklich
keine Klage haben, um sich gegen solche Willkür und Eigenmacht zu
vertheidigen?
Indessen völlig schutzlos ist der Occupant Dritten gegenüber auch
dann nicht, wenn wir ihm gleich die Besitzinterdicte absprechen. Ein-
mal würde ihm immer die actio iniuriarum zu Gebote stehen (L. 13,
§ 7 D. de iniur. 47, 10). Ferner dürfte ihm auch die condictio pos-
sessionis nicht zu versagen sein, da der Besitz bei dieser Klage nicht
als Klagegrund, sondern bloß als Klageobject erscheint (Bruns a. a. O.
S. 188). Sie muß deshalb auch da gestattet werden, wo die that-
sächliche Herrschaft im eigenen Namen ausgeübt ist, mag gleich deren
juristische Qualification nicht genügen, um die Besitzinterdicte darauf zu
gründen. Ja, es läßt sich selbst die Frage aufwerfen, deren Beant-
wortung indessen nicht hierher gehört, ob nicht schon der Detentor, der
an seiner Jnhabung ein directes Vermögensinteresse hat, zur Anstellung
der condictio possessionis befugt war. — Es ist endlich daran zu er-
innern, daß nach Bruns eigenem Zugeständniß (a. a. O. S. 45) die
meisten Besitzprocesse so geführt werden, daß jede Partei sich den Besitz
zuschreibt, so daß der Gegner des Occupanten factisch selten in der Lage
sein wird, den Besitz des Gegentheils aus seinem Berhältniß zum Vor-
besitzer, also mittelst einer Art von exceptio de iure tertii zu be-
streiten.
Demnach dürfte die Proculeianische Theorie auch in ihrer practi-
schen Durchführung nicht zu so gar argen Unzuträglichkeiten führen,
und daraus kein Argument wider das aus unserer Quellenexegese ge-
wonnene Resultat hergeleitet werden, daß die Proculeianische Lehre mit
allen ihren Consequenzen in der Justinianischen Compilation, mit ein-
ziger Ausnahme des in L. 40, § 1 D. h t. behandelten Falles, durch-
gedrungen ist.

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