Full text: Volume (Bd. 8 (1875))

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Schirmer: Ueber den Satz „^nimo retinetur possessio.“
generetur, ne ex aliena malignitate alienum damnum
emergat,“
so ist es klar, daß der Kaiser die fremde Occupation als die von dem
untreuen Repräsentanten beabsichtigte Folge seines Wegganges bezeichnet.
Kann man nun wohl die Decisivworte des kaiserlichen Erlasses „nihil
penitus domino praeiudicii generetur“ auf den Moment der Dere-
liction allein beziehen, während oben gesagt ist, daß diese mit der nach-
folgenden Occupation in unmittelbarem Zusammenhänge stehe. Soll
der Gesetzgeber, der in seiner Beschreibung der Handlungen, auf welche
seine Verordnung sich erstreckt, dieselben bis in ihre Wirkungen verfolgt,
in der Abhülfe, die er dawider bietet, von diesen Wirkungen wieder
ganz absehen, diese in ungeschwächter Kraft bestehen lassen, seine Ge-
danken von diesem Wege gleichsam wieder zurücklenken und nicht mehr
über die Ursache jener Wirkungen Hinausblicken?
In der That sind es vielmehr practische Erwägungen, um deren
Willen man sich dagegen sträubt, die Proculekanische Lehre in ihre
Consequenzen zu verfolgen und die Justinianische Constitution in dem
Sinne auszulegen, den ihr Wortlaut so außerordentlich nahe legt, ich
möchte fast sagen, erfordert. „Die Veruntreuung vom Vertreter," sagt
Bruns (a. a. O. S. 118), „setzt nicht nothwendig eine Colluston des
Erwerbers mit dem Vertreter voraus; dieser kann sich auch für den
Eigenthümer ausgeben, und der Dritte optima fide die Sache von ihm
kaufen. Soll dann der Besitzer das Recht haben, ihn ohne Weiteres
mit Gewalt zu vertreiben? Und wenn nun der Besitz vor der Kennt-
niß des Besitzers in die dritte und vierte Hand kommt, dauert dann
Besitz und Vertreibungsrecht auch gegen diese fort? Das wäre ja ge-
gen den ganzen Grundbegriff des Besitzes." Diese Ausführungen über-
schreiten indessen ersichtlich ihr Ziel. Eine Besitznahme in gutem Glau-
ben kann doch auch da Vorkommen, wo der Besitzer in eigener Person
seinen Besitz ausübte, ohne in dem Grundstücke selbst anwesend zu sein;
und selbst ein Uebergang in die zweite oder dritte Hand ist hier eben
so gut möglich, wie bei dem von dem Repräsentanten verlassenen Be-
sitze. Man denke an Gegenden mit kleinen Ackerstücken, die im Ge-
menge liegen; wie leicht kann hier während des Winters ein betrüge-
rischer Nachbar mit seinem eigenen Lande auch fremdes hinzuverkaufen,
tradiren, ohne daß der bisherige Besitzer davon erfährt. Wenn man
also, wie uns dies bezeugt ist, sich durch practische Rücksichten nicht be-
stimmen ließ, hier den Besitz des neuen Erwerbers anzuerkennen, so

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