Full text: Volume (Bd. 8 (1875))

482 - Boß: Zur Theorie der Grundschuld.
welcher durch seine Leistung das Grundstück liberirt, und welcher zu
dieser Intervention auch wider Willen des Gläubigers nur kraft post-
tiven. aus dem Wesen der obligatio fundi nicht zu erklärenden Rechts-
satzes zugelassen ist. Das Kapital kann daher dem Grundeigenthümer
nicht zur Rückzahlung gekündigt, sondern es kann ihm nur die Zwangs-
versteigerung angedroht werden, wenn er zur Zeit der Fälligkeit die
Grundschuld nicht zahlt. Ohne erfindlichen Grund wären die auf dem
Grundstück vorhandenen gesonderten Früchte, das bewegliche dem Eigen-
thümer gehörige Zubehör, so lange bis dasselbe nicht veräußert oder
vom Grundstücke räumlich nicht getrennt worden ist, zur Haftung für
die Schuld des Grundstückes herangezogen. Die Annahme einer „vis
attratciva“ des Grundstücks könnte für eine juristische Erklärung
nicht gelten.
Die Anforderungen des Realkredits find der Annahme einer
obligatio fundi vielfach zuwider. Der Eigenthümer des verhafteten
Grundstückes will dasselbe bebauen und ausnutzen; er verlangt, im
Besitze 'geschützt zu werden, so lange er Zinsen und Kapital aus seinem
anderweitigen Vermögen entrichten kann. Dem Gläubiger ist es meist
nicht darum zu thun, aus dem Grundstücke, an welches er sich halten
soll,- seine wirkliche Befriedigung vermittelst Veräußerung desselben zu
erlangen. Ihm liegt an der regelmäßigen Zahlung der Zinsen, das
Kapital will er sicher „untergcbracht" wissen. Sein Interesse richtet sich
in erster Linie gegen den jeweiligen Eigenthümer des Grundstückes;
zur Zwangsversteigerung greift er oft nur, um das Grundstück in die
Hände eines prompten Zahlers seiner Zinsen zu bringen. Und doch
soll der Eigenthümer des Grundstückes zur Zahlung zwar kraft
positiven Rechts auch wider Willen des Gläubigers berechtigt, aber nicht
verpflichtet sein!
Gesetzt, der Gläubiger hätte dem Eigenthümer des ihm verhafteten
Grundstücks aus einem persönlichen Schuldgrunde, etwa aus einem
Vermächtniß, 1000 Mark zu leisten, und eben so viel „von dem
Grundstücke" aus fälliger Grundschuld zu fordern. Hier könnte er nicht
kompensiren, denn die 1000 Mark Grundschuld sind ja nicht eine Schuld
des Eigenthümers, sondern eine Schuld des Grundstückes. Der Eigen-
thümer kann seine 1000 Mark Vermächtnißgeld einziehen, der Grund-
schuldgläubiger hat nur das Mittel der Zwangsversteigerung, in welcher
er vielleicht zum großen Theile ausfällt.
Solche Folgerungen sind an sich bedenklich, von dem Eigenthums-

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