Full text: Volume (Bd. 8 (1875))

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Pfizer: Der Rechtsgrund. .

eines Rechtsgrundes zu behaupten und zu beweisen hat. Warum dies?
— Wir haben oben gesehen: das rechtwirksame Wort, das Versprechen
besteht nothwendig aus Form und Inhalt, der Inhalt ist der Gedanke,
hier: der Wille, künftig etwas zu thun, zu geben, die Form die
Sprache; dem Willen, welcher in die natürliche Form der gewöhn-
lichen Sprache gekleidet war, legte das national-römische Recht, das
jus civile überhaupt keine Rechtswirksamkeit bei, gleichviel, ob er einen
Rechtsgrund hatte oder nicht; diese Unwirksamkeit des formlosen Worts
wird nun gewissermaßen ausgeglichen durch die gesteigerte Bedeutung,
welche dem in die Kunstform gekleideten Wort, dem feierlichen
Versprechen beigelegt wird: die Form vertritt die Angabe des
Rechtsgrundes, dem Satze des jus gentium, daß die Vermuthung
gegen eine Schenkung spreche, steht der Satz des jus civile gegenüber,
daß bei dem feierlichen Versprechen das Dasein eines Rechtsgrundes
vermuthet werde. — Einen Grund muß jedes Handeln, also auch
jedes Versprechen haben; wer etwas verspricht, ohne sich eines Grun-
des bewußt zu sein, handelt unvernünftig, und die unvernünftige
Handlung ist für das Recht nicht vorhanden; nach einem Grund
handelt ebensowohl derjenige, welcher etwas giebt oder verspricht in
der Absicht, dem Andern eine Freude zu machen, wie Derjenige, welcher
von der Absicht geleitet wird, den-Andern sich zu einer Gegenleistung
zu verpsiichten. — Wenn Windscheid (Pand. §§. 362, 319 n. 2)
den „von seinem Bestimmungsgrund losgelösten" Vertrag (d. h. Ver-
sprechen) als „reinen Vertrag" darum bezeichnet, „weil der so bezeich-
nete Vertrag farblos ist", so können wir, wenn wir ihm auf das
für den Juristen sehr bedenkliche Gebiet der Gleichnisse und der
Bildersprache folgen sollen, nur sagen: wenn wir von einem Maler
ein ganz „reines" Bild, von einem Wirth einen ganz „reinen" Wein
verlangen, so bleibt dem Maler nichts übrig, als uns ein Stück schön
gebleichte Leinwand —, dem Wirth nichts, als uns ein Glas —
Wasser vorzusetzen. Den „reinen", den „abstraeten" Vertrag als etwas
für das Rechtsleben Brauchbares hinzustellen, kann nur Denjenigen
einsallen, welche den an die Spitze unserer Erörterung gestellten Satz
Savigny's in sein Gegentheil verkehren: „Das Recht hat ein Dasein
für sich; wer dieses Dasein ergründen will, der schließe sich von dem
lärmenden, das Denken störenden Getriebe des menschlichen Lebens und
Verkehrs gänzlich ab, -schließe sich vielmehr in sein Studirziwmer ein
und „sehe, daß er tiefsinnig saßt, was in des Menschen Hirn nicht paßt."

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