Full text: Volume (Bd. 8 (1875))

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Pfizer: Der Rcchlsgrund.

der Oberst oder Schmock zuerst den Jrrthum entdeckt, oder ob Schmock
für die andern 50 Thater Champagner getrunken oder sich einen
neuen Rock gekauft hat.
10. Vertrag und Versprechen; materieller und formeller Rechtsgrund;
actiones stricti juris und aa. bonae fidei.
Die im Vorstehenden unternommene Ehrenrettung des Julian,
bezw. Ulpian hat uns wieder auf den Begriff des formellen Ver-
sprechens geführt, welches schon oben als die Grundlage des römischen
Schuldrechts bezeichnet wurde, und deffen Verhältniß zum materiellen
Rechtsgrund, zum wirthschaftlichen Eigennutz nunmehr noch
näher zu untersuchen ist. — Wir haben oben den Gegensatz dahin
sormulirt: das römische (Vertrags-) Recht wird beherrscht von dem
Prinzip des formellen und darum streng einseitigen Ver-'
sprechens, das heutige Recht von dem Prinzip des zweiseitigen
formlosen Vertrags; mit diesem Satz glauben wir die vollstän-
dige Erklärung des Gegensatzes von strictum jus und
bona fides, actiones stricti juris und actiones bonae fidei ge-
geben zu haben, eine Erklärung, welche allerdings von den herkömm-
lichen Erklärungen sich wesentlich unterscheidet, und für welche wir von
einem großen Theil der gelehrten Welt das gerade Gegentheil von
Anerkennung erwarten; denn diese Erklärung stellt den Unterschied
(welcher, wie wir alsbald sehen werden, auch für das heutige Recht
in aller Schärfe besteht) als etwas sehr Einfaches, in der Natur der
Sache Begründetes hin, während er nach der herrschenden Lehre einen
Theil der unergründlichen Mysterien der tiefsinnigen Wissenschaft bildet,
von welchem nur Derjenige eine Ahnung haben kann, welcher ergründet
hat, wie die formulae des römischen Prozesses concipirt waren. Die
herrschende Lehre behandelt den das materielle römische Recht beherr-
schenden Gegensatz zwischen actiones stricti juris und a. bonae fidei
als ein wehr oder weniger zufälliges Produkt des Rechtslebens, als
eine Folge der stets mehr oder weniger mit .Willkür festgesetzten
Prozeßformen; hält es doch z. V. Windscheid in seinem Lehrbuch
der Pandekten für erforderlich, bei jedem einzelnen „Vertrag" zu
bemerken, ob die Verpflichtungen aus demselben „unter freiem richter-
lichen Ermessen stehen" oder nicht. — Wir dagegen sagen:' jener
Gegensatz ist eine nothwendige Folge der im Leben eines Volks

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