Full text: Volume (Bd. 8 (1875))

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Pfizer: Der Rechtögrund.

des römischen Schuldrechts begründet war; andererseits-aber ist als-
dann gewiß, daß das Festhalten dieses Unterschiedes zwischen Kauf
und Lausch für das heutige Recht gänzlich sinnlos ist. sinnlos wenig-
stens für den, welcher glaubt, daß die Sprache des Rechts die Sprache
des Volks und keine dem Volk unverständliche Geheimlehre sein soll.
Was aber würde das Volk zu folgendem Fall sagen? ^ und B schlie-
ßen einen Tauschvertrag über ein im Besitz des A befindliches Haus
und einen dem B gehörigen Acker; der Vertrag wird beiderseits voll-
zogen, einige Zeit darauf brennt durch Zufall das dem 13 übergebene
Haus ab; nun erfährt 13, daß das Haus nicht Gigenthum des A, son-
dern Eigenthum der Ehefrau desselben war und daß A den Tausch
ohne ihr Wissen abgeschlossen hat; er klagt gegen A auf Rückgabe des
Ackers, indem er ihm den Brandplatz zur Verfügung stellt; und der
Richter, der es noch von seiner Studentenzeit her im Kopf hat oder
auch schwarz auf weiß besitzt, daß der Tausch ein Vertrag sei, gerich-
tet auf gegenseitiges Verschaffen von Eigenthum, spricht aus: „der
Tausch ist von Anfang an nichtig, A muß den Brandplatz zurückneh-
men und den Acker herausgeben!" Bei dem in seinem Recht gekränkten
Mann wird durch ein solches Urtheil vielleicht nicht die Achtung vor-
der Person des Richters, wohl aber — und dies ist noch viel schlim-
mer — die Achtung vor dem Recht, vor dem Gesetz untergraben; denn
für den schlichten Verstand ist es rein unbegreiflich, warum, im Fall
eines Kaufs B —, im Fall eines Tausches aber A die Gefahr des
übergebenen Hauses tragen soll. — Eine ganz ähnliche Verschiedenheit
zwischen dem römischen und dem heutigen Recht, wie beim Tausch,
müssen wir bezüglich der Hingabe an Zahlungsstatt, datio in solutum,
behaupten; dieser Hingabe liegt stets und nothwendig eine Vereinigung
zweier Willenserklärungen zu Grunde; gegen Hingabe einer Sache
Seitens des Schuldners soll der Gläubiger auf seine Forderung ver-
zichten. Dieses Uebereinkommen war nach römischem Recht grade so
wirkungslos wie ein Tauschvertrag; Rechtswirkung erlangt es nur
durch Einkleidung in die Form der Stipulation, d. i. durch förmliche
novatio. Erst durch die rechtswirksame That des Schuldners, durch
sein dare — im Gegensatz pm tradere — wird die Forderung des
Gläubigers getilgt, und vollkommen eonsequent sagt daher 1. 46 pr.
I). XLYI, 3: Si quis aliam rem pro alia volenti solverit et
evicta fuerit res, manet pristina obligatio. Daß aber heutzutage
das formlose Uebereinkommen, vermöge dessen der Schuldner baaren

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