Full text: Volume (Bd. 8 (1875))

Pfizer: Der Rechtsgrund.

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phistisch-theokratischen Anschauung aber, wonach Jemand durch ein in
der Einsamkeit gesprochenes Wort zum Schuldner der Gottheit wird
und vom Priester, welchem ein Lauscher das Wort hinterbracht hat,
als vom Vertreter der Gottheit auf Erfüllung belangt werden kann,
wird der moderne Staat noch weniger Rechnung tragen.
Von viel größerer, noch heute nachwirkender Bedeutung ist die
andere Abweichung der früheren von der heutigen Rechtsanschauung.
wonach das einfache Versprechen, auch wenn es angenommen war, zur
Entstehung eines Schuldverhältnisses nicht genügte, sondern das Wort,
um Rechtswirkung zu erlangen, besonders geartet, der Wille, anstatt
in die natürliche Form, in eine Kunstsorm gekleidet sein mußte. Da
der Wille als Wort von der natürlichen Form unzertrennlich ist, so
denken wir, wenn von Formen der Willenserklärung die Rede ist. nur
an Kunstformen, und nennen die der Kunstsorm ermangelnde Willens-
äußerung, auch wenn sie in Worten erfolgt, eine formlose. Das
Princip des römischen Rechts war nun: das formlose Wort, das form-
lose Versprechen erzeugt, auch wenn es angenommen ist, keine civilrecht-
liche Verbindlichkeit, und zwar macht es keinen Unterschied, ob der Ver-
sprechende mit oder ohne Rechtsgrund handelt, ob er sich verpflichtet,
um den Empfänger sich zu verpflichten, oder ob er das Versprechen
uneigennützig, mit völliger Veiseitesetzung seines Ich, d. h. schenkungs-
weise giebt; rechtliche Kraft erlangt das Versprechen erst, wenn es
in die Form der stipulatio gekleidet ist, der Vertrag erst, wenn er
in seine Elemente, Versprechen und Annahme, Gegenversprechen und
Annahme aufgelöst und diese Elemente in die Form zweier von ein-
ander unabhängiger Stipulationen gebracht sind. Fehlt diese Form,
so ist kein Theil an sein Wort gebunden, ja selbst wenn ein Theil
sein Wort erfüllt, in die That umgesetzt hat, steht es ihm frei, ob er
nun Erfüllung des vom andern Theil gegebenen Wortes verlangen
erzählten Erklärung: „Ich bin heute Eonsul geworden, ich werde zum Dank für
die mir erwiesene Ehre ein Theater bauen," eine Klage gegen den Versprechenden
zugelafsen haben, daß vielmehr überall in dem Titel über die pollicitatio zu unter-
stellen ist, der Versprechende habe das Versprechen den gesetzlichen Vertretern der
Stadt, des Bezirks gegenüber abgelegt; dem steht nicht entgegen die Definition
in I. 3 D. h. t., wo die pollicitatio als offerentis solius promissum dem pactum
als duorum consensus atque conventio gegenübergestettt wird; zu vgl. das unten
über den Unterschied zwischen (einseitigem) Versprechen und (zweiseitigem) Ver-
trag Ausgeführte; eine Besonderheit der pollicitatio des rüm. Rechts bliebe immer
noch die, daß sie auch ohne die Form der Stipulation klagbar war.

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