Full text: Volume (Bd. 8 (1875))

374 Pfizer: Der RechLsgrunÄ.
seiner Angehörigen das Product des freien Willens seien und daß
dieser Wille dem zwingenden StaaLsgesetz nicht wiederstreite; entsprin-
gen Wort oder That nicht aus dem vernünftigen Willen, oder steht
dem Willen des Handelnden ein Gesetz des Staats entgegen, welches
die Vornahme dieser Handlung verbietet, so ist die Handlung nichtig,
im erstern Fall nach natürlichem Recht, im zweiten kraft gesetzlicher
Fiktion; übrigens kann auch bezüglich der Frage nach dem Dasein des
vernünftigen Willens das positive Recht der Fictionen nicht vollstän-
dig entrathen. Fragen wir, wie sich in dieser Beziehung die Reichs-
gesetzgebung zum bestehenden gemeinen Recht, beziehungsweise zu den
Theorien desselben am geeignetsten verhalten wird, so sind hier fol-
gende Punkte ins Auge zu fassen.
3. Das Handeln ohne Grund.
a. Natürliche Handlungsunfähigkeit.
Nach Gründen, also auch nach Rechtsgründen zu handeln, ist voll-
ständig unfähig der Wahnsinnige und der Blödsinnige; bei ihm ist der
Wille aufgehoben, also sind alle seine Handlungen rechtlich nichtig. Das
römische Recht erklärt dieselben aber für rechtsbeständig, wenn der
Geisteskranke sie in einem lichten Zwischenraum, dilucidum intervallum,
vorgenommen hat; insbesondere soll der Geisteskranke in einem solchen
Zwischenraum gültig letztwillig verfügen können; die Handlungsunfähig-
keit hört nach römischem Recht von selbst auf, wenn der Kranke die
geistige Gesundheit wiedererlangt hat. Die Beibehaltung dieser römisch-
rechtlichen Bestimmungen wird sich nicht empfehlen, wie dieselben denn
auch particularrechtlich bereits vielfach abgeändert sind. Die Frage, ob
es überhaupt lichte Zwischenräume gebe, zu entscheiden, ist der Gesetz-
geber nicht berufen; wohl aber kann er aussprechen, daß nach erfolgter
Entmündigung alle Handlungen, wodurch der Entmündigte in eine
ungünstigere Lage versetzt wird, insbesondere alle Veräußerungen unter
Lebenden nichtig seien, wenn ohne Mitwirkung des Vormunds vorge-
nommen, daß ein Entmündigter zu Rechtsgeschäften von Todes wegen
unbedingt unfähig sei, und daß diese Handlungsunfähigkeit so lange
fortdauere, bis die Aufhebung der Entmündigung durch gerichtliches
Urtheil ausgesprochen ist.
Der Verschwender ist an sich durchaus fähig, nach Gründen zu
handeln; weil er aber tatsächlich nicht nach Gründen, insbesondere

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer