Full text: Volume (Bd. 8 (1875))

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Literatur.

gehabt habe. Die Belege*für diesen Satz hat Vocke aus allen deutschen
Landschaften und aus allen Jahrhunderten vom 7. bis zum Ende des
18. Jahrhunderts gefunden-, schon dieser eine Umstand muß mancherlei
Bedenken wach rufen. Auf dem Wege des Vertrags nun sei im hoch-
deutschen und niederdeutschen Rechte unter dem Namen Kindervergleich
die Einrichtung aufgekommen, daß der überlebende Gatte den Kindern
erster Ehe einen bestimmten Voraus- festsetzte, wodurch dann bei Aus-
lösung der zweiten Ehe die Kinder erster Ehe, die der zweiten und der
zweite Ehegatte in der Erbschaft des bei Auflösung der zweiten Ehe vor-
handenen Vermögens ganz gleich stehen, nachdem die Kinder erster Ehe
den Voraus herausgenommen. In gleicher Weise soll das hoch- wie
das niederdeutsche Recht bei zweiter beerbter Che die Herausnahme des
Eingebrachten gefordert haben, wonach der überlebende Gatte sein ver-
tragsmäßig eingebrachtes Heirathsgut heraus und vom Uebrigen mit den
Vorkindern und den Kindern zweiter Ehe einen Kindstheil genommen
habe. Auch hier finden wir Quellenbelege aus allen Landschaften und
allen Jahrhunderten angeführt.
In der zweiten Periode sei dann die fränkische Halbtheilung, wo-
nach der überlebende Gatte die eine, die Kinder die zweite Hälfte er-
halten, zum herrschenden Recht geworden. Eine Gruppe von Quellen,
wie die Soester und die Hamburger Gruppe, hätten jedoch die reine
Halbtheilung verlassen und hätten der Wittwe z. B. nur ein Drittel
zugesprochen, während der überlebende Ehemann die Hälfte erhielt. Zur
Zeit der Volksrechte habe sich dann noch aus dem Bestreben, den Grund-
besitz zu Gunsten der Kinder zu binden, die auf das liegende Gut be-
schränkte Einrichtung der Verfangenschaft entwickelt. Eine ähnliche Ein-
richtung sei für die kinderlose Ehe in der Stammerbfolge gefunden
worden. Dadurch sei die herkömmliche Alleinerbfolge nur beschränkt, nicht
aufgehoben worden. Ferner entstand in mehreren Gegenden und nament-
lich in den adeligen Kreisen zum Zweck der Wittwenversorgung die Ein-
richtung der Morgengabsehe und der Witthumsehe, erstere um das
Recht des Ueberlebenden nach salfränkischem, letztere um es nach rhein-
fränkischem Rechte auf einen Theil des Vermögens zu beschränken. Die
Morgengabe sei somit eine Erbabfindung, das Witthum eine Wittwen-
versorgung durch Nießbrauch gewesen. Gerade dieser Abschnitt des Buches
(S. 181—308) scheint uns einer genauen Prüfung zu bedürfen, es mag
sich dann Herausstellen, wie viel von den Vocke'schen Aufstellungen stich-
haltig ist, wie viel nicht. Jedenfalls haben die wirthschaftlichen und
und politischen Verhältnisse einen gewissen Einfluß aus die Fortbildung
des Rechts geübt, aber Vocke geht offenbar in der Schätzung dieses Ein-
flusses zu weit, mit Unrecht bestreitet er die Stammesverschiedenheit des
Rechts für die Zeit der Volksrechte (den betreffenden Stellen der Volks-
rechte spricht er die Bedeutung des geltenden Rechtes ab) und ebenso
unterschätzt er für die Periode des eigentlichen mittelalterlichen Rechtes
die Bedeutung der verschiedenen Stammeseigenthümlichkeiten. — In der
dritten Periode, die der Verf. von 1125 bis 1250 rechnet, sei nun die
Halbtheilung in Frankreich, Flandern und Holland und den Branden-
burgischen Ländern auch auf die kinderlose Ehe ausgedehnt worden; in
andern Gegenden sei man zur Drittheilung nach beerbter Ehe über-
gegangen; man habe sie zuerst nur der Frau bei der Wiederverehelichung

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