Full text: Volume (Bd. 7 (1874))

Literatur.

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nirgends innegehalten, und je mehr er vorschreitet, um so mehr erweitert
sich die Arbeit zu einer Geschichte des Privatrechtes von den 12 Tafeln
bis zum Abschlüsse der klassischen Zeit. Indem sich so der Verfasser
während seiner Arbeit von seinen Grenzen emanzipirte, ist eine gewisse
Ungleichmäßigkeit in der Behandlung nicht zu verkennen, und der ästhe-
tische Eindruck, den ein symmetrischer Ausbau auch bei schriftstellerischen
Werken hervorbringt, geht darüber verloren.
Also eine Geschichte des römischen Privatrechtes ist es, die wir vor
uns haben, keine Gelehrtengeschichte, und mit dieser Feststellung ist dem
Unternehmen von vornherein schon eine allgemeine Sympathie gesichert.
Denn einem jeden Juristen ist es bekannt, daß ein solcher Vorwurf einem
wirklichen Bedürfnisse der Wissenschaft entgegenkommt, einer echten Noth
unserer romanistischen Jurisprudenz abhelfen will. Einem jeden Juristen
ist in seinen Studien aufgefallen, daß neben der üppigen Behandlung
der sogenannten äußeren Rechtsgeschichte die innere, das ist die Geschichte
des Privatrechtes, ein kümmerliches Dasein fristet. Höchstens, daß für
einzelne Lehren, wie Pfandrecht und Erbrecht, der Stoff reichlicher floß.
Für alles Uebrige, besonders für den sogenannten allgemeinen Theil und
das Obligationenrecht, mangelte es entweder überhaupt an Untersuchungen,
die uns Klarheit oder sei es selbst nur Unklarheit brachten, oder diese
Untersuchungen waren mehr aphoristischer Natur und es fehlte an dem
geistigen Bande zwischen der einen und der andern.
Man Hütte glauben, sollen, daß die Arbeiten der historischen Schule
auch auf diesem Gebiete einen Fortschritt bezeichnen. Aber es ist bekannt,
daß diese nicht überall die Konsequenzen ihres Standpunktes gezogen hat,
und wenn irgendwo, so gilt dies von der Geschichte des römischen Privat-.-'
rechtes. . Man kann mit einem gewissen Rechte sagen, die historische
Schule ist im Großen und Ganzen bis vor das Oorpus juris gekommen;
dort blieb sie stehen. Das Material, welches im Corpus juris und ganz
besonders in den Pandekten für die Geschichte des Privatrechtes so reich-
lich fließt, wurde nicht benutzt. Das lag einmal daran, daß man über
der praktischen Verwerthung dieses Rechtsbuches für das geltende gemeine
Recht die Aufgabe der historischen Bearbeitung übersah und in den
Schatten treten ließ, und sodann an der zu guten oder zu schlechten
Meinung — je nachdem man das Interesse des Dogmatikers oder Histo-
rikers hat — von der Arbeit der Redaktoren des Oorpus juris, die nichts
Geringeres gethan haben sollen, als ein Rechtsbuch für unseren prak-
tischen Gebrauch auszuarbeiten und jede historische Beziehung zu streichen.
So kam es, daß man, selbst wenn einmal ein Institut historisch dar-
gestellt wurde, bei der Interpretation widersprechender Pandektenfragmente
an dem bei der Bearbeitung des geltenden gemeinen Rechtes vielleicht zu-
treffenden Kanon, daß die historische Auslegung und Vereinigung ein
höchst subsidiäres Rechtsmittel sei, festhielt. So kam es, daß man über
der Justinianischen Arbeit das klassische römische Recht übersah, und der
humanisirende Einfluß des Studiums des römischen Rechtes, den dasselbe,
nicht anders als die lateinische Sprache und die griechische Kunst, nur
in der Periode der Klassizität besitzt, auf Kosten der sehr problematischen
Bedeutung desselben als geltendes deutsches Recht zurücktrat.
Darum empfiehlt sich Pernice's Unternehmen im Hinblick auf seine
Originalität. Es tritt aber noch ein weiteres Moment hinzu, das demselben

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