Full text: Volume (Bd. 7 (1874))

Wachtel: Zur Verbesserung der deutschen Aktien-Gesetzgebung. 487
Handelsgesetzgebung war, dafür hat man einen Maßstab, wenn man
erwägt, daß, — obgleich damals- ein für ganz Deutschland gemein-
schaftlicher gesetzgebender Faktor nicht vorhanden war — trotzdem das
deutsche Handelsgesetzbuch in kürzester Frist in fast ganz Deutschland
Geltung erlangte und so, wenn auch nicht formell, doch faktisch
gemeines deutsches Recht wurde, obschon es überall als parti-
kulares Recht eingeführt war. Diesem inneren Vedürfniß nach
einer einheitlichen Gesetzgebung auf dem Gebiete des Handels und Ver-
kehres haben wir es auch zu verdanken, daß keiner der deutschen Par-
tikularstaaten irgendwelche wesentliche Abänderungen an dem von der
Nürnberger Konferenz ausgearbeiteten und vom Bundestage gutge-
heißenen Entwürfe machte. Durch das Norddeutsche Vundesgesetz vom
5. Juni 1869, die Versailler Verträge vom 15. und 25. November
1870 und das deutsche Reichsgesetz vom 22. April 1871 wurde auch
der letzte formelle Mangel bezüglich der einheitlichen Einführung
und Geltung des allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuches beseitigt
und jetzt ist dasselbe gemeines deutsches Recht im vollen Sinne
des Wortes.
Die Anerkennung, welche das deutsche Handelsgesetzbuch sowohl
in den Kreisen des Handels, wie der maßgebenden Vertreter der Rechts-
wissenschaft, namentlich in Bezug auf seine Redaktion, und den prak-
tischen Werth seiner Bestimmungen zu Anfang seines Erscheinens fast
allgemein fand, wurde indeß sehr bald bezüglich einiger Abschnitte
.desselben angefochten Es waren dies vorzüglich im II. Buch der von
der Kommanditgesellschaft auf Aktien handelnde zweite Abschnitt des
zweiten Titels und der dritte Tittelj welcher von der Aktiengesell-
schaft handelt. Die Angriffe richteten sich hauptsächlich gegen diejenigen
Bestimmungen, welche die Errichtung von Kommanditgesellschaften aus
Aktien und von Aktiengesellschaften von der staatlichen Genehmigung
abhängig machten und gingen ursprünglich weniger von Juristen, als
vielmehr von den Vertretern der in der Wirthschaftslehre sogenannten
„Manchestertheorie" aus, derjenigen volkswirthschaftlichen Partei, welche
aus allen wirthschastlichen Gebieten vollste Freiheit fordert, als deren
Dogma ihr bekanntes: „Laissez faire, laissez aller!“ verkündet und
jede Einmischung und Beaufsichtigung des Staates in dergleichen Din-
gen, insbesondere was die Aktiengesellschaften betrifft, nicht nur für
unnütz, sondern sogar für schädlich und gefährlich erklärt. Die lebhafte
Agitation dieser Partei, welche bis vor Kurzem in wirthschastlichen

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